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Woran glaubt Wittenberg?
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Besuch in der Reformationsstadt Woran glaubt Wittenberg?

Wittenberg hat 48 000 Einwohner. Mehr als 40 000 gehören keiner Kirche an. Hier, an Luthers wichtigster Wirkungsstätte, feiern die Protestanten jetzt 500 Jahre Reformation und den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wie kann das gehen? Ein Besuch.

Wie gehen die Wittenberger mit dem Trubel rund um ihre Stadt im Jahr des Reformationsjubiläums um? Eine Ortsbegehung.

Quelle: Jacqueline Schulz

Wittenberg. Irgendwo hier muss er gesessen haben, unter diesem Kreuzgewölbe, in diesem Raum. Er hat hier, so heißt es, gegessen und getrunken, Bier, Wein, Würste, mit seinem Kumpel Melanchthon und mit manchen anderen. Luther hat gegen den “Saufteufel“ gepredigt, aber er war dem Genuss nie abgeneigt, und so muss ihm das Wirtshaus am Markt, der Goldene Adler, einer der liebsten Orte gewesen sein.

Martin Kramer könnte es sich also einfach machen. Aber das will er nicht. 500 Jahre nach Luther steht Kramer in diesen Räumen, hinter dem Tresen seiner Charles Bar, und sieht hinaus. Ein junger Mann, 31 Jahre, T-Shirt, Dreitagebart, Tattoo auf dem Unterarm, zwischen dunklen Ledersesseln. Kramer ist Deutscher Meister im Cocktailmixen, ausgerechnet hier, in der Lutherstadt Wittenberg. Draußen, in der Mittagssonne des ersten frühlingswarmen Tages seit Langem, ziehen die Touristengruppen an seinem Fenster vorbei, Menschen mit Rucksäcken, Kappen, ein Führer vorweg. “Ich will keinen Luther-Cocktail kreieren, und ich will hier keinen Luther-Kaffee ausschenken. Da will ich nicht hin, das ist nicht mein Weg. Das hier, diese Bar, soll ein Ort sein, an dem man nicht mit Luther bedrängt wird. Ein Luther-freier Ort. Ein neutraler Ort.“, sagt Kramer.

Was Kramer mit Luther zu tun hat, das könnte man vielleicht auch anders sehen. 500 Meter weiter links liegt die Schlosskirche, an deren Tür vor 500 Jahren jene 95 Thesen Luthers hingen. 600 Meter in anderer Richtung liegt das Haus, in dem Luther mit Katharina von Bora wohnte. Und gleich gegenüber, mitten auf dem Marktplatz, steht Luther auf dem Sockel, er schaut genau in das Fenster der Bar. Martin Kramer ist also an allem ganz nah dran. Und zugleich ist er sehr weit weg. So wie die Stadt.

Die “Welthauptstadt des Protestantismus“, zumindest in diesem Jahr: Dabei ist das Verhältnis zwischen den Wittenbergern und Luther nicht einfach.

Quelle: Jacqueline Schulz

Wittenberg und Luther, das ist jedenfalls ein nicht einfaches Verhältnis. Einerseits ist diese kleine Stadt an der Elbe gerade so etwas wie die Welthauptstadt des Protestantismus. Mindestens 200 000 Menschen werden am nächsten Wochenende hierher kommen, um mit einem großen Gottesdienst auf den Wiesen vor der Stadt das Reformationsjubiläum zu feiern. Das ganze Jahr strömen täglich Tausende durch die Gassen der Stadt, viele von weither, um zu sehen, wo Martin Luther lebte, schrieb, predigte.

Es gibt Hunderte Vorträge, Kunstaktionen, Konferenzen, Wittenberg kreist um Luther. Und zugleich ist dieses Wittenberg eben auch eine ganz normale Stadt im Osten Sachsen-Anhalts, die sich von anderen Orten in Ostdeutschland in Sachen Kirchenferne nicht unterscheidet. Von den gut 48 000 Einwohnern sind mehr als 40 000 nicht mehr in der Kirche. Die Gläubigen sind hier längst in der Minderheit. Wie aber feiert man ein Reformationsjubiläum dort, wo kaum Christen leben?

Darüber kann man etwa mit Eckhard Naumann reden, dem Mann, der 1990 angetreten ist, die Stadt und den Luther einander wieder näher zu bringen. Oder mit Astrid Mühlmann, die froh ist über Luther-Comics und stolz ist auf Schlagzeilen wie “Luther schlägt Darth Vader“. Und natürlich mit den Wittenbergern selbst.

“Ihr seid doch nur ein Ort von vielen“

Naumann, Oberbürgermeister von 1990 bis 2015, schlägt als Treffpunkt das Wittenberg-Zentrum für globale Ethik vor, ein Institut und Bildungszentrum in einem dieser geschichtsträchtigen restaurierten Häuser nahe der Schlosskirche. Hans-Dietrich Genscher, Außenminister, und der UN-Botschafter Andrew Young haben es 1998 eröffnet, es war Naumanns Idee, einer dieser Versuche, Wittenbergs Punkt auf der Karte von Geist und Religion ein wenig größer zu malen, gegen alle Widerstände. “Auch die ostdeutschen Landeskirchen haben uns lange signalisiert: Ach, ihr seid doch nur ein Ort von vielen“, erinnert sich Eckhard Naumann. Ein Pilgerort für Protestanten? Widersprach das nicht allen Ideen Luthers? Die Skepsis war groß. Innen und außen.

Naumann, zu DDR-Zeiten Software-Ingenieur im Chemiewerk in Piesteritz, gehörte zu denen, die immer in der Kirche geblieben sind, auch als sie weniger wurden. Nahm hin, dass er deshalb nicht zur Oberschule durfte. Gehörte zum Kreis junger Menschen, die sich in den Achtzigerjahren um Pfarrer Friedrich Schorlemmer sammelten. Aber er sah auch, wie die Stadtgesellschaft auseinanderdriftete, in eine Kirchen- und eine Industrieseite. Als er 1990 in die SPD eingetreten und Oberbürgermeister geworden war, “da war mir klar, dass wir diese beiden Seiten zusammenbringen mussten, wenn wir als Stadt erfolgreich sein wollten“.

Ex-Oberbürgermeister Eckhard Naumann hat die Sanierung seiner Stadt vorangetrieben – und Proteste geerntet, als er die Luther-Statue zur Weltausstellung nach Hannover verleihen wollte.

Quelle: Jacqueline Schulz

Nur hatte auch Naumann lange Zweifel, wie sehr die Wittenberger überhaupt zu ihrem Luther standen. Jedenfalls bis 1999. Da wollte er Luther einfach mal verleihen. Auf der Weltausstellung in Hannover sollte der Luther vom Marktplatz im Deutschen Pavillon für Wittenberg werben. Naumann dachte, es sei eine gute Idee, der Sockel musste ohnehin saniert werden.

„Aber dann gab es auf einmal große Proteste“, sagt Naumann. „Nicht von Kirchenleuten, sondern von den Bürgern. Die sagten: Wer unseren Luther sehen will, der soll mal schön herkommen.“ Es wurde also nichts mit der schönen Werbung für Wittenberg. Luther musste zu Hause bleiben. „Aber es war auch klar, wie viel den Wittenbergern an ihrem Luther liegt.“ Mag ja sein, dass sie nicht mehr in der Kirche sind. Aber Luther hergeben, nein, das ging nun doch nicht. Nicht mal für ein paar Wochen.

Erst die Plattenbauviertel, dann die Altstadt

Heute strahlt Wittenberg. Die Schlosskirche: gerade für viele Millionen Euro restauriert. Die Altstadt: eine stilvoll sanierte Vorzeigezone, mit Bächen am Rand, die das Mittelalterflair perfekt machen sollen. Und dann die neue Attraktion: das 360-Grad-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, in dem Besucher das Wittenberg zur Luther-Zeit erleben können. Wenige Monate nach Eröffnung waren schon mehr als 100 000 Menschen drin. Die Lutherstadt Wittenberg ist heute, pünktlich zum Jubiläum, trotz noch unzähliger Baustellen in der Stadt, eine Attraktion. Für die Besucher. Und für die Bewohner?

Naumann hat ihnen viel zugemutet, er weiß das. Das Kulturhaus, in dem viele Wittenberger ihre ersten Tanzschritte gemacht haben? Abgerissen wegen des Asisi-Panoramas. Das völkerkundliche Riemer-Museum, in dem Generationen von Wittenbergern die Schrumpfköpfe bestaunten? Vertrieben von seinem angestammten Ort. Die Klagen darüber hört man fast überall. Aber wenn die Wittenberger sich am Ende dennoch weiter mit ihrer Stadt identifizieren, sagt Naumann, dann deshalb, weil sie auf eines geachtet hätten: von außen nach innen sanieren. Erst die Plattenbauviertel, wo die meisten Menschen leben, dann die Altstadt.

“Du kannst nicht nach außen groß die Lutherfahne raushängen, und dann stolpern die Menschen gleich ins Schlagloch, wenn sie aus ihren Häusern kommen“, sagt Naumann. Der Marktplatz sei deshalb immer noch nicht gemacht. “Damit es nicht heißt: Den Platz vor dem Rathaus machen sie natürlich als Erstes.“

Alles lässt sich verluthern: Die Läden in Wittenberg sind voll mit Mitbringseln für Luther-Touristen und Kirchentagsbesucher.

Quelle: Jacqueline Schulz

Wittenberg, dieses Gefühl bekommt man hier nach einer Weile des Zuhörens, ist zurzeit vielleicht weniger die Hauptstadt des Protestantismus als das Zentrum der permanenten Rechtfertigung. Es ist, als fühlten sich hier viele stets zu einer Erklärung, vielleicht auch zu einer Entschuldigung verpflichtet. Dafür, dass Luther überhaupt so exzessiv gefeiert wird, obwohl er so viel gegen die Juden hatte und ihm der Personenkult selbst auch ziemlich fremd war. Dafür, dass trotz jahrelanger Vorbereitung immer noch so viel gebaut wird. Und dafür, dass die Läden in Wittenberg nun voll sind von all diesen absurden Luther-Artikeln. Luther-Nudeln, Luther-Socken, Luther-Tomaten, Luther-Kondome, es scheint nichts zu geben, das sich nicht auf irgendeine Art verluthern ließe.

Astrid Mühlmann sagt dennoch nichts Schlechtes über diese Auswüchse. Die 42-jährige Juristin leitet die staatliche Geschäftsstelle “Luther 2017“, sozusagen den nicht-kirchlichen Arm dieses Jubiläums, und sie erzählt ziemlich zufrieden von den Luther-Comics, die sie angestoßen haben, und davon, dass die Luther-Playmobilfigur sich besser verkauft als der oberste Star-Wars-Fiesling.

“Wir bekommen auf diese Figuren tatsächlich eine Menge Anfragen“, sagt Mühlmann. “Es ist ein Weg, in Kontakt zu kommen. Und dann wollen die Menschen mehr wissen.“ Astrid Mühlmann ist selbst in Wittenberg aufgewachsen, ihr Großvater war Pfarrer, und als Kind war sie eine der wenigen, die immer in der Kirche waren. Sie ging fort, Studium, USA-Aufenthalt, vor sechs Jahren kam sie zurück, und jetzt versucht sie, die Menschen hier davon zu überzeugen, dass Reformation nicht nur die Kirche, sondern noch viel mehr verändert hat, Kunst, Musik, die Gesellschaft. Dafür sind ihr viele Wege recht. Vielleicht ist das nötig.

Zwischen Distanz und Stolz: Wer mit Wittenbergern reden will, findet sie eher in den Neubaugebieten als in der von Gästen bevölkerten, herausgeputzten Altstadt.

Quelle: Jacqueline Schulz

Aber die meisten Wittenberger trifft man nicht in der Altstadt. Da sind die Gäste. Die Wittenberger trifft man oben im Neubaugebiet auf dem Lerchenberg, da leben sie. Was man da hört, zwischen Kaufland und den Wohnblöcken, ist eine eigenartige Mischung aus Distanz und Stolz. “Es ist einfach zu viel Trubel“, sagt die Rentnerin Ute Scholz, die früher in der Kirche war, aber dann ausgetreten ist, des Geldes wegen. “Und wer kümmert sich denn um all die neuen Bauten, wenn die Menschen wieder weg sind?“, fragt sie noch. “Luther würde sich doch im Grab umdrehen, dem wäre das doch alles gar nicht recht“, sagt Henning Schulz, 35-jähriger Bürokaufmann auf Arbeitssuche, mit ärgerlicher Stimme.

Aber Schulz ist immerhin auch noch Kirchenmitglied. Ute Scholz erzählt vom Stolz auf ihre Stadt, weil alle sie kennen, wenn sie mal irgendwo auf Reisen ist. Und auch Martin Kramer, der Barkeeper, weiß ja, dass er dieser Stadt viel verdankt, in die er vor sechs Jahren zurückgekehrt ist, eigentlich um seine Mutter zu pflegen. Jetzt betreibt hier diese Bar, die auf den Top-Listen stets zwischen Läden in Hamburg, Köln oder München auftaucht. “Dass das hier möglich ist, das hat auch mit der Offenheit zu tun, die es hier gibt.“ Eine Offenheit, die vielleicht am Ende doch mit dem zu tun hat, was hier vor 500 Jahren passiert ist.

Martin Kramer, deutscher Meister im Cocktailmixen, will, dass seine Bar im Zentrum Wittenbergs ein neutraler, “Luther-freier“ Ort ist.

Quelle: Jacqueline Schulz

Und so muss diese Geschichte vielleicht enden mit René Müller, einem 31-Jährigen, der am Abend, nach seiner Stadtführung, noch auf dem Weg in den Pub ist. Müller ist eigentlich Ausbilder für Chemieberufe, aber manchmal zeigt er Gästen abends noch seine Stadt. Wie er es eigentlich mit Luther und der Kirche hält?

Da erzählt er von dem Autounfall, den er vergangenes Jahr hatte. “Ein paar Tage später“, sagt er, “habe ich mir das lädierte Wrack angesehen. Mir war klar, dass ich das hätte eigentlich gar nicht überleben können. Das musste Gott gewesen sein. Das war für mich der Beweis.“

Anschließend hat er sich taufen lassen, in der Elbe. Die Pastorin trug einen Neoprenanzug. Im Februar hat er in der Stadtkirche geheiratet, der Wirkungsstätte Luthers. “Das war mir wichtig“, sagt er. Dann geht er weiter, Richtung Gaststätte. Auch diese Geschichte, auch das ist Wittenberg.

Info: Kirchentag feiert in der Lutherstadt

In ganz Deutschland wird in diesem Jahr das Reformationsjubiläum mit Tausenden Veranstaltungen gefeiert – im Zentrum steht Wittenberg. Die Höhepunkte in Wittenberg:

Kirchentag: Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag im Jahr des 500. Reformationsjubiläums wird voraussichtlich ein Ereignis der Superlative. 100 000 Dauerteilnehmer werden vom 24. bis 28. Mai bei den zentralen Veranstaltungen in Wittenberg und Berlin erwartet. 2100 Veranstaltungen sind insgesamt geplant. Außerdem gibt es sechs regionale „Kirchentage auf dem Weg“ in Mitteldeutschland. Für den 28. Mai, der zugleich die zentrale Feier im Reformationsjubiläumsjahr ist, werden zum Festgottesdienst auf den Elbwiesen im Süden der Lutherstadt mehr als 100.000 Menschen erwartet.

Das Protestantentreffen steht dieses Mal unter der biblischen Losung „Du siehst mich“. Zu den prominentesten Gästen zählt sicherlich der frühere US-Präsident Barack Obama, der sich am Himmelfahrtstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer Diskussion am Brandenburger Tor trifft.

Weltausstellung Reformation: Sieben „Tore der Freiheit“ laden Besucher bis zum 10. September ein, sich mit Kirche, Glauben und der Situation der Welt auseinanderzusetzen. Jedes Tor hat einen eigenen Themenbereich – von Frieden und Gerechtigkeit bis zur Ökumene.

Kunstausstellung: Von diesem Wochenende an bis zum 17. September zeigt „Luther und die Avantgarde“ zeitgenössische Kunst. Hauptort ist das Alte Gefängnis Wittenberg.

Panorama Luther 1517: Das 360-Grad-Panorama von Yadegar Asisi zeigt die Stadt zur Zeit Melanchthons, Cranachs und des Reformators.

Interview: “Diskurskultur wirkt gegen Populismus“

Ilse Junkermann ist seit 2009 Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Quelle: dpa

Seit 2009 sind Sie, aus dem vergleichsweise glaubensfesten Baden-Württemberg stammend, Landesbischöfin in Mitteldeutschland. Weniger als 20 Prozent der Menschen gehören Ihrer Landeskirche an. Wie war es, in eine derart entkirchlichte Situation zu kommen?

Ich bin hier sehr herzlich aufgenommen worden. Und ich habe gelernt, welche Kräfte eine Kirche in der Minderheit und mit der Erfahrung als Kirche im Widerstand hat. Die Erfahrungen aus dem ökumenischen konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind sehr präsent, etwa, indem unsere Kirche klar Stellung bezieht gegen jede Form von Menschenverachtung und Rassismus, gegen Waffenhandel und Militarisierung und gegen Ausbeutung der Natur. Kirche mag hier kleiner sein als im Westen – aber nicht minder engagiert.

Hat sich in Ostdeutschland ein anderes Verständnis von Glauben und Kirche entwickelt als im Westen?

Ja, die Verantwortung der Ehrenamtlichen wird hier besonders hoch geschätzt. Das Miteinander in unserer Kirche ist stark von einem geschwisterlichen Umgang geprägt: Jeder achtet darauf, dass alle mitkommen. Wir diskutieren im Zweifelsfall so lange, bis wir zu einem Ergebnis kommen, das möglichst viele mittragen können. Einmütigkeit ist wichtiger als eine Mehrheitsentscheidung, Gemeinschaft wichtiger als Konkurrenz. Von der Kirche wird hier womöglich eine höhere Glaubwürdigkeit erwartet als im Westen.

Während der Wende war die Kirche in Ostdeutschland ein Hort der Bürgerrechtsbewegung. Was ist von der einstigen Kraft geblieben?

Eine Menge: etwa das Engagement für die Ökumene, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Rechtsextremismus. Und natürlich das Eintreten für Menschen, die benachteiligt werden oder einen schlechten Ruf in der Gesellschaft haben – zuletzt vor allem für die Flüchtlinge. Auch wenn die Situation der Kirche in Mitteldeutschland nicht einfach ist: Wir sind noch immer flächendeckend präsent und sorgen mit für den Zusammenhalt vor Ort. Das ist wichtig, denn gerade auf dem Land ist Kirche – neben der Feuerwehr – meist der einzige verbliebene öffentliche Raum.

Können die westdeutschen Landeskirchen von Ihnen etwas im Umgang mit dem Mitgliederschwund lernen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Wir sind gerade dabei, uns vom Einheitsbild, was eine Kirchengemeinde zu leisten hat, zu verabschieden. Das fällt schwer, aber wir brauchen eine Entlastung von selbst auferlegten Pflichten, damit die Mitarbeiter frei werden zu sehen: Was ist vor Ort erforderlich? Wer kann was einbringen? Welche Schätze – an Gebäuden, Geld, vor allem aber an Begabungen und Engagement – haben wir? Die Formen von Gemeindeleben werden fluider werden. Die Gemeinden werden loslassen müssen, was nicht mehr geht.

Evangelische Kirche wird vor allem in den Gemeinden gestaltet. Das Reformationsjubiläum wirkt hingegen wie ein Projekt der EKD und der Landeskirchenämter. Ist Kirche vor Ort hinreichend mitgenommen und eingebunden worden?

Ein so großes Vorhaben wie das Reformationsjubiläum braucht selbstverständlich viel Unterstützung und Leitung. Die zentral geplanten Veranstaltungen zielen naturgemäß auf eine große Öffentlichkeit. Mit unseren kleineren „Kirchentagen auf dem Weg“ knüpfen wir hingegen an die regionale Tradition aus der DDR-Zeit an. Zudem haben sich viele Gemeinden auf Reformationsspurensuche vor Ort begeben und bewundernswerte Projekte realisiert, die vor allem in die nähere Umgebung ausstrahlen. Das ist ebenso wertvoll und wichtig wie die Großveranstaltungen.

Am Reformationsjubiläum wird durchaus auch Kritik geübt: Zu abgehoben, zu lutherlastig, zu museal, zu wenig ins Hier und Heute gedacht. Verstehen Sie solche Einwände?

Mit Blick auf das begleitende Marketing schon. Inhaltlich aber nicht. Gerade in den Gemeinden und Kirchenkreisen vor Ort wird sehr engagiert danach gefragt, was die reformatorische Wiederentdeckung des Evangeliums für unsere Fragen und Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft heute bedeutet. „Wie hältst Du’s mit der Religion?“ – so fragt etwa der „Kirchentag auf dem Weg“ in Jena und Weimar. Erfurt wiederum nimmt das Miteinander der Religionen in den Blick, in Magdeburg wird insbesondere das Thema Frieden und neue Medien diskutiert und in Halle steht die Kultur im Mittelpunkt. Auch in Leipzig mit dem Schwerpunkt Musik und in Dessau-Roßlau mit dem Schwerpunkt Reformation und Aufklärung stehen aktuelle Themen im Mittelpunkt.

Was wird vom Reformationsjahr nachklingen, was erhoffen Sie sich?

Das Gespräche mit Menschen weit über Kirchengrenzen hinaus. Ich hoffe, dass die Diskurskultur gegen jede Form von Vereinfachung und Populismus gestärkt wird. Das hat unsere Demokratie bitter nötig. Und: An der Person Martin Luther wird neu deutlich, dass jeder Mensch gefragt ist, Verantwortung für sich selbst und seine Mitmenschen zu übernehmen – und dass er dabei seinem Gewissen verpflichtet ist.

Was können wir noch von Luther lernen?

Dass wir kritisch und selbstkritisch auf die gewachsene Egoismus- und Geizkultur unserer Gesellschaft schauen. Gott schenkt uns alles, in diesem Glauben sind wir frei und widersprechen der Vorstellung, es gäbe – Stichwort Selbstoptimierung – ein heiles Leben, wenn man sich nur richtig anstrengt. Und dass zu einem guten Leben gehört, dass jeder Mensch seine Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber seinen Mitmenschen wahrnimmt. Es kommt auf jeden Menschen an – und es ist wichtig und möglich, für die eigene Überzeugung einzustehen. Und für eine Kultur der Barmherzigkeit gegenüber sich selbst und anderen.

Angenommen, Martin Luther würde Ihnen im Café oder in der Straßenbahn begegnen: Wäre er Ihnen, bei allem, was Sie über ihn wissen, sympathisch?

Absolut! Schon weil er ein aufrechter und freier Mensch war. Wenn er allerdings ausfällig werden und – wie über die Juden, die Bauern und die Täufer – schlecht über andere reden würde, dann würde ich ihn zur Rede stellen.

Interview: Daniel Behrendt

Von Thorsten Fuchs

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