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Die Schönschreiber
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Comeback der Handschrift Die Schönschreiber

Im Zeitalter digitaler Kommunikation gerät die Handschrift in Vergessenheit. Eltern und Lehrer beklagen eine erhebliche Verschlechterung des Schriftbildes bei Schülern, und der Deutschen Post gehen die Briefeschreiber aus. In der Kreativszene aber erlebt die Handschrift eine neue Blütezeit – in Form von Kalligrafie und Handlettering.

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit: In Handlettering-Kursen geht es um eine bewusste Auseinandersetzung mit Handschrift.

Quelle: Nico Herzog

Hannover.

 

Es ist diese Verwandlung, bei der schnöde Buchstaben zu Kunstwerken werden, die Menschen wie Heike Kleiber fasziniert. Beruflich hat sich die 61-jährige technische Zeichnerin damit schon früher beschäftigt und unter anderem Plakate beschriftet. Doch mittlerweile hat der Computer ihre Tätigkeit ersetzt. Jetzt malt und schreibt sie Buchstaben aus der Zeit des Altertums bis hin zum Jugendstil, “um runterzukommen“, wie sie sagt. Wenn die breite Bandzug- oder filigrane Spitzfeder übers Papier kratzt, ist das für Heike Kleiber pure Entspannung.

Erinnerung an die Zeit als Schulanfänger

Wer aber zum ersten Mal seine Initialen in keltischer Knotenschrift oder in den gestochenen Großbuchstaben der Capitalis monumentalis zu Papier bringen will, fühlt sich lebhaft an seine Zeit als Schulanfänger erinnert, als das Schreiben eine eher krampfhafte Angelegenheit war. “Ich habe in meinen Kursen manchmal Grundschullehrerinnen, die nach ihren ersten Schreibproben sagen, dass sie erst jetzt richtig nachvollziehen können, warum das Schreiben vielen Kindern so viel Mühe macht. Ihnen geht es beim Kalligrafieren genau wie einem Erstklässler, der auch zunächst den richtigen Umgang mit dem Schreibwerkzeug üben und eine gewisse Beweglichkeit im Handgelenk trainieren muss“, sagt Sabine Pfeiffer.

Die 57-jährige Grafikerin aus Braunschweig gibt seit 2003 Kurse und Workshops in Kalligrafie und Handlettering, der Kunst des Schönschreibens. Ihr selbst sei das Schreibenlernen als Schulkind zunächst auch schwergefallen, räumt sie lächelnd ein.

Mit der Hand schreiben zu lernen war und ist ein steiniger Weg. Ältere Generationen erinnern sich noch an die quälenden Ermahnungen in der Schule und zu Hause, immer “das schöne Händchen“ zu benutzen und ja nicht mit links zu schreiben, ungeachtet dessen, ob das dem Kind vielleicht leichter gefallen wäre. Und dann die Note für “Schrift und Form“, die vor allem im Grundschulalter die in der Feinmotorik oftmals hinter den Mädchen herhinkenden Jungen das Zeugnis verhagelte.

Die Teilnehmer der Kurse von Sabine Pfeiffers Kursen zeichnen jeden Buchstaben akribisch aufs Papier.

Quelle: Nico Herzog

Mit diesem Druck und Drill ist glücklicherweise Schluss. Dafür gibt es allerdings ein anderes Problem: die Unentschlossenheit über die richtige Methode des Erlernens der Handschrift. Früher arbeitete man sich noch vor den ersten Leseübungen von A bis Z durch das Alphabet. Seitenweise wurden die Buchstaben mit Wachsmalern regelrecht geschwungen. Heute lernen Kinder in Deutschland gleichzeitig lesen und schreiben – und zwar mit Druckbuchstaben. Erst dann üben sie Schreibschrift.

Dabei hat die schnörkellose vereinfachte Ausgangsschrift oder die mehr in Ostdeutschland verbreitete Schulausgangsschrift die vor ein paar Jahrzehnten noch vorherrschende lateinische Ausgangsschrift weitgehend abgelöst. In der dritten Stufe sollen die Kinder ihre eigene Handschrift entwickeln. Die meisten bleiben bei der zuerst erlernten und im Alltag gängigeren Druckschrift. Das wiederum führt dazu, dass die Mehrheit der deutschen Schüler nicht flüssig schreiben kann.

Nach einer im Zeitraum von 2014 bis 2015 vom Deutschen Lehrerverband und dem Institut für Schreibmotorik in Heroldsberg bei Nürnberg durchgeführten Onlinestudie unter 2000 Lehrern an Grund- und weiterführenden Schulen hat jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen Probleme mit dem Handschreiben. Pädagogen beklagten nicht nur einen eklatanten Mangel an Leserlichkeit, sondern auch an Ausdauer. Die Umfrage ergab, dass gerade mal rund 38 Prozent der Schüler 30 Minuten und länger beschwerdefrei schreiben können. Als Hauptursachen führten die Lehrer eine schlechte Feinmotorik und zu wenig Übung zu Hause an. Erst an dritter Stelle folgt die fortschreitende Digitalisierung.

Es geht nicht nur ums Schönschreiben

98 Prozent der Lehrer halten Handschreiben für “sehr wichtig“, weil es die Merkfähigkeit und die Verarbeitung von Informationen fördert. Das bestätigen auch Biologen. Bildgebende Verfahren haben ergeben, dass beim Erinnern an ein Wort nicht nur die Sprachzentren in der Großhirnrinde, sondern auch das Kleinhirn aktiv wird. Das lässt darauf schließen, dass wir die Wortbedeutung nicht nur über den Zusammenhang und über Inhalte speichern, sondern auch über die Motorik des Schreibens.

Das Schreibmotorik-Institut, ein Verein, der eine verbesserte Förderung des Handschreibens bei Kindern erreichen will, hat dafür die “Aktion Handschreiben 2020“ ins Leben gerufen. “Ziel ist, die Potenziale zum Erlernen einer guten Handschrift sowohl in Kindertagesstätten und Schulen als auch zu Hause auszuschöpfen“, sagt Geschäftsführerin Marianela Diaz Meyer. Dabei gehe es nicht ums Schönschreiben und das Bewahren einer Kulturtechnik, sondern um Bildungschancen.

Diese sieht Anne Trubek vor allem in der Abschaffung der Handschrift: Das Tippen auf dem Computer hat für die streitbare Professorin einen “demokratisierenden Effekt“. Es vereinheitliche das Erscheinungsbild der Texte und rücke den Ausdruck von Ideen in den Mittelpunkt statt das Aussehen von Buchstaben, schreibt Trubek, die ein Jahrzehnt an einem College in Ohio Kurse übers Schreiben und die Geschichte des Buches gab, bevor sie sich ganz auf die Publikation von Büchern und Zeitungsartikeln zum Thema Schreiben verlegte.

Geschrieben wird mit Federn, Faserschreibern oder ausgefallenen Werkzeugen wie dem Cola Pen

Quelle: Nico Herzog

Ihre Kernthesen zur Abschaffung der Handschrift fasste sie im vergangenen Jahr in einem Buch zur Geschichte und Zukunft der Handschrift zusammen. Eine ihrer provokantesten Forderungen lautet: „Werft die Handschrift auf den Müllhaufen der Geschichte.“ So wie zuvor schon die Tontafeln und Rauchzeichen. Gerade mit ihren kenntnisreichen Ausführungen zur mehr als 7000 Jahre alten Kulturgeschichte des Schreibens entzaubert Trubek die Handschrift als angeblichen Hort von Intimität und Authentizität.

Nicht nur ideologische, sondern auch blutige Kämpfe tobten einst um die richtige Form der Buchstaben. Die frühen Christen etwa verwarfen die römischen Skripte, weil sie ihnen dekadent und heidnisch erschienen. Die Puritaner in England und Amerika entwickelten im 18. Jahrhundert ihre eigene Schrift, um sich vom Katholizismus zu distanzieren. Auch heute noch ist die Handschrift häufig mit Vorurteilen belegt: Studien haben gezeigt, dass Lehrer eine sauber geschriebene Version ein und desselben Textes besser benoten. Eine gute Schrift wird nicht selten als Indiz für Intelligenz angesehen.

Lara Stein und Simone Bruns können das nicht bestätigen. Allerdings haben sie auch keine Probleme mit ausdauerndem Schreiben. Die beiden 18-Jährigen haben gerade Abiturklausuren hinter sich und immer noch so viel Ausdauer, dass sie zusammen mit Heike Kleiber und einem Dutzend weiterer Handschriftbegeisterter im Klassenzimmer einer Berufsschule in Peine-Vöhrum Buchstaben zeichnen. Durch die großen Fenster sieht man das Werk des Schreibwarenherstellers Pelikan. Der zeitlose Schriftzug des Firmennamens ist eine Hommage an die Handschrift.

Fürs Briefeschreiben fehlt die Zeit

Kursleiterin Sabine Pfeiffer gibt heute Anleitungen fürs sogenannte Handlettering. Während sich die Kunst der Kalligrafie an historischen Handschriften wie denen der Kelten, Römer oder der Plakatmaler im Jugendstil orientiert, aber auch an Buchstabenschriften anderer Kulturkreise, zum Beispiel Asiens, darf beim Lettering mehr der persönliche Stil einfließen. Doch auch hierbei kommt die eigene Handschrift wenig zum Tragen. Vielmehr werden Buchstaben gezeichnet, gemalt, gesprüht, geritzt oder graviert. Lara Stein und Simone Bruns sind über das Internet auf diese Art von Schönschreibkunst gestoßen.

Doch die Tutorials diverser Bloggerinnen – in der Regel sind es Frauen, die sich mit Lettering befassen – fanden die beiden Abiturientinnen nicht lehrreich genug. In dem Kursus der Peiner Volkshochschule schätzen sie vor allem die Technikversiertheit und den Ideenreichtum von Sabine Pfeiffer. Die Inspirationen, die sie daraus schöpfen, sind nicht nur was für die Kladde: “Wir schreiben bei jeder Gelegenheit Postkarten an Freunde und Verwandte“, sagt Lara Stein. Fürs Briefeschreiben in aufwendiger Schrift fehle allerdings die Zeit. Die nimmt sich ohnehin kaum noch jemand: Nach Angaben der Deutschen Post lag der Anteil der Privatbriefe 2016 bei nur noch 6 Prozent.

Viele Geschäfte setzen für ihre Schilder oder Speisekarten inzwischen wieder auf Schönschreiber, die sogenannten Blackboard Artists, also “Tafelkünstler".

Quelle: iStockphoto

Und doch taucht Handschriftliches im Alltag immer häufiger auf: Cafés, Restaurants, Gemüsehändler und kleine Geschäfte für Design, Wohnkultur oder Kreativbedarf setzen auf handgeschriebene Schilder, Angebotstafeln oder Speisekarten. Es gibt sogar eine eigene Berufsbezeichnung für die Schönschreiber im Gewerbe: Blackboard Artists. “Wie die Schildermaler vor hundert Jahren leben mittlerweile einige von dieser Kunst“, sagt Oliver Linke von der Typographischen Gesellschaft in München.

Den Boom des Handschriftlichen gerade in der Gastronomie oder bei inhabergeführten Läden führt der Grafiker auf ein gesteigertes Bedürfnis der Kunden nach Nachhaltigkeit und Entschleunigung zurück. Handgeschriebenes sei auch durchaus ein Gegentrend zur Zunahme digitaler Kommunikation. “Es wirkt einfach echter, realer“, sagt Linke. In der Grafikdesignbranche seien Kalligrafie und Lettering bereits seit Jahren gefragt. Mittlerweile gebe es an Hochschulen auch wieder Dozenten, die diese Kunst beherrschen. “Das sind dann schon Ausnahmetalente, denn einfach ist das nicht“, sagt Linke.

“Manchmal darf Schrift einfach nur schön aussehen“

Eine gute Handschrift sollte klar entzifferbar sein. Dazu gehört eine gewisse Rhythmik und Gleichförmigkeit der Buchstabenarchitektur. “Manchmal darf Schrift aber auch einfach nur schön aussehen“, sagt Sabine Pfeiffer und macht ein Tintenfass auf. Vor ihr liegen ein jungfräulicher Zeichenblock und eine Blechdose mit allerlei Schreibutensilien wie Fineliner, Füllfederhalter, Bandzugfedern und Flachpinsel.

Die Grafikerin greift zu einem selbst gebastelten Cola Pen, unter Kalligrafen ein beliebtes Werkzeug, dessen Spitze aus dem Stück einer Getränkedose geformt ist. Die improvisierte Feder kratzt über das Papier, es spritzt und kleckst. Das Ergebnis ist ein Wirrwarr an wellenförmigen Linien und feinen Punkten, dynamisch, aber auch irgendwie rätselhaft mutet das Ganze an. Steht da wirklich Aloe Vera? Sabine Pfeiffer nickt lachend. “Mir ist nichts Besseres eingefallen, manchmal kommt es nicht so sehr darauf an, was man schreibt, sondern dass man schreibt.“

Interview mit Kalligrafin Charlotte von Wrede: "Von Hand schreiben ist wie meditieren"

Charlotte von Wrede, Deutschlands gefragteste Schönschreiberin, lebt im brandenburgischen Briesen.

Quelle: espen eichhöfer/ ostkreuz

Frau von Wrede, wie finden Sie Ihre Handschrift?

Ich mag sie. Von klein auf habe ich mir viel Mühe gegeben und schon in der Grundschule Liebe und Ehrgeiz in jeden Buchstaben investiert. Dass aber meine Handschrift mittlerweile so gefragt ist, dass sie die Einladungen bedeutender Modehäuser ziert, erstaunt mich trotzdem ziemlich.

Wie kam Ihre Handschrift auf Einladungskarten von Chanel oder Cartier?

Einer Bekannten, selbst Inhaberin einer angesehenen Berliner Kommunikationsagentur, schickte ich mal eine Weihnachtskarte. Sie betreut bedeutende Kunden. Sie war auf Anhieb angetan von meiner Handschrift und vermittelt mir seitdem Aufträge. Man muss wissen: Modehäuser und andere prestigebewusste Unternehmen personalisieren ihre Einladungen gerne, die Anrede – oft auch die Adressen und Absender – wird per Hand geschrieben. So wirkt eine Einladung gleich viel persönlicher, fast freundschaftlich. Die Karten sind meist sehr hochwertig, und die Handschrift sollte nicht hinter diese Anmutung zurückfallen.

Sie schreiben beispielsweise viele Einladungen für die Berlin Fashion Week. Sind das immer dieselben Adressaten?

Ja, der Personenkreis ist überschaubar und relativ gleichbleibend – bei der Fashion Week wie auch bei anderen hochkarätigen Events.

Wie viele Einladungen schreiben Sie für einen durchschnittlichen Job?

Ich schreibe ab und an auch mal für private Hochzeiten, da sind es meistens natürlich nur ein paar Dutzend oder wenige Hundert. Bei den großen Veranstaltungen können es aber auch mal 1000 Einladungen sein. Tausendmal also, die ich Anrede, Adresse und Absender schreibe, also Karte und Umschlag beschrifte.

Wie lange brauchen Sie dafür?

Das hängt von den verwendeten Schreibgeräten und dem Papier ab. Schreibe ich mit einem Gelschreiber auf einem glatten Untergrund, geht mir das leicht von der Hand. Dann schaffe ich pro Tag mindestens 1000 Einladungskarten. Neulich aber habe ich mit einer Schreibfeder, die ich immer wieder ins Tintenfässchen tauchen musste, und einer goldenen Tinte gearbeitet. Das war eine ganz schöne Herausforderung! Die Tinte war auch recht zäh. Da habe ich nur 120 Anreden und Umschläge am Tag hinbekommen.

Bevorzugen Sie bestimmte Schreibgeräte?

Den Gelroller mag ich gerne. Der gleitet herrlich leicht übers Papier. Natürlich kann ich ihn nicht immer verwenden. Zu klassischen Hochzeitseinladungen auf einem Büttenkarton passt er nicht. Dafür finde ich einen Füller oder eine Feder schöner. Die Feder lässt die Linie lebhafter erscheinen, ihr Strich schwillt an und ab. Zu sehr übertreiben darf man solche Effekte aber nicht. Es geht ja nicht um die Schrift, sondern um den Inhalt. Die Schrift ist nur das Medium, die Überbringerin der Botschaft. Deshalb sollte sie bei aller Kunstfertigkeit unaufdringlich wirken.

Geht auch mal was schief?

Ich bin sehr konzentriert bei der Arbeit. Ich verschreibe mich so gut wie nie. Aber das Material ist manchmal störrisch. Manche Schreibflüssigkeiten trocknen extrem langsam oder das Papier nimmt die Farbe nicht gut an. Da kann es schon mal passieren, dass sie nach Stunden noch nicht trocken ist, ich die überall herumliegenden Karten zusammenlege, um Platz zu schaffen – und schon ist etwas verschmiert. Ganz schwierig sind weiße Stifte. Die trocknen oft total unregelmäßig auf. Das finde ich sehr unästhetisch!

Sind Sie ganzjährig ausgebucht?

Nein, aber es gibt Zeiten, da stapeln sich die Aufträge förmlich. Mein Terminkalender folgt natürlich vor allem der Berlin Fashion Week, die ihre beiden großen Aufschläge im Januar und Juli hat. Dann kann ich mich vor Arbeit kaum retten.

Sind Sie auf die Fashion Week abonniert?

Nein, ich bekomme meine Aufträge jedes Jahr von Neuem. Oft sogar ziemlich kurzfristig. Weil ich aber immer zuversichtlich bin, dass ich wieder gebucht werde, plane ich für diese Zeiten keine Urlaube ein.

In der Modewelt kennt man Ihre Handschrift mittlerweile. Vertrauen Ihre Kunden Ihnen blind oder erwarten sie Arbeitsproben?

Das kommt schon vor. Etwa wenn ein Kunde genaue Vorstellung von einer Schrift hat oder mal eine Variante wünscht, die von meinem natürlichen Schriftbild stärker abweicht. Es ist ja auch für mich wichtig, vorher zu prüfen, ob ich mir eine Schrift so gut zu eigen machen kann, dass der Auftraggeber am Ende zufrieden ist.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für Ihren Beruf?

Natürlich eine schöne Handschrift. Ich glaube zwar, jeder kann lernen, schön zu schreiben, aber nicht jeder tut sich leicht damit. Und Leichtigkeit beim Schreiben, eine größtmögliche Natürlichkeit des Schriftbildes, das ist ein Muss. Daneben sind Konzentration, Disziplin und Zuverlässigkeit sehr wichtig. Es sind ja zumeist sehr viele Einladungen, die in kurzer Zeit fertiggestellt werden müssen. Man braucht einen langen Atem und muss sehr gewissenhaft arbeiten. Schließlich soll die tausendste Karte ebenso schön sein wie die erste.

Ist es nicht manchmal ein Graus, mit einem Job anzufangen, angesichts dieses Berges von Karten, der vor Ihnen liegt?

Klar, es ist ein Angehen. Zu Anfang bin ich stets ein bisschen nervös, weil ich denke, ich könnte in Zeitdruck geraten. Aber ein paar Karten später bin ich im Fluss, total konzentriert und ganz bei mir. Dann geht es wie von selbst. Das ist wie Meditieren.

Als Schönschreiberin werden Sie sicher oft von Menschen mit Sauklaue gefragt, was sie besser machen könnten.

Das kommt schon mal vor. Aber ehrlich gesagt kann ich da nicht weiterhelfen. Ich habe ja keine allgemeinverbindliche Methode. Ich schreibe in meiner höchstpersönlichen Schrift. Ich habe mal einen Kalligrafiekursus besucht, weil ich dachte, ich müsste das mal systematisieren und die traditionellen Schriften lernen. Aber das ist eine ganz andere Herangehensweise. Kalligrafen zeichnen die Buchstaben eher, führen jeden einzelnen Strich sehr bedacht und kontrolliert aus. Ich hingegen arbeite aus einer fließenden Bewegung heraus, aus einem natürlichen inneren Rhythmus. Da lässt sich nichts auf andere übertragen, weil jeder seinen ganz eigenen Rhythmus hat.

Gibt es Buchstaben, die Sie mehr mögen als andere?

Auf jeden Fall. Das “J“ mag ich total gerne, das “V“ überhaupt nicht. Fragen Sie mich jetzt aber bloß nicht, warum das so ist.

Von Kerstin Hergt und Daniel Behrendt

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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