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Mach mal schneller
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Konkurrenz für die Luftfahrtbranche Mach mal schneller

Mit Mach 2 über den Atlantik: Ein Start-up aus Colorado tüftelt an einer Mini-Concorde und bringt Airbus und Boeing in Bedrängnis.

Klein, aber rasant: 45 Passagiere soll die Boom binnen drei Stunden von New York nach London fliegen – schneller als einst die Concorde. So will ein Start-up die Luftfahrtbranche umkrempeln.

Quelle: Boom

Im Westen erheben sich die Rocky Mountains, im Osten erstreckt sich die scheinbar endlose Prärie. Vielleicht liegt es an dem Weitblick, dass Ideen und Träume an diesem Ort keine Grenzen kennen. In einer unscheinbaren Flugzeughalle in einem noch unscheinbareren Privatflughafen unweit von Denver bastelt ein kleines Team an einer technischen Revolution: 25 junge Leute entwickeln ein Überschallflugzeug, das die Luftfahrt auf den Kopf stellen könnte.

Zu sehen gibt es bisher nicht viel. Größere Werkstätten und Prototypen von Maschinen oder Flugzeugen sucht man vergebens. Der Blick bleibt an einer einfachen Holzkonstruktion hängen, die auch auf einem ambitionierten Kinderspielplatz stehen könnte. Das Vorhaben reduziert sich auf ein Dutzend Computerarbeitsplätze und auf Tüftler, deren Begeisterung ansteckend wirkt.

"Wir geben uns noch ein Jahr, und dann weiß alle Welt, wohin die Reise geht", sagt Blake Scholl. Tatsächlich besitzt der Gründer und Chef der Firma Boom die Aufmerksamkeit der großen Konzerne. Airbus, Boeing und Lockheed Martin rätseln, ob einer Handvoll Technikern im Mittleren Westen gelingen könnte, womit die Marktführer bisher nicht so recht vorankommen: im kommerziellen Flugbetrieb mit Mach 2, also zweifacher Schallgeschwindigkeit, zu reisen – und das im Gegensatz zur 2003 außer Dienst gestellten Concorde auch noch wirtschaftlich.

Kleines Team mit großen Ambitionen: Keine zwei Dutzend Mitarbeiter tüfteln bei Boom Technology derzeit an dem ehrgeizigen Vorhaben.

Quelle: Boom

Scholl, ein typischer Ingenieur mit kurzen dunkelblonden Haaren, rechteckigen Brillengläsern und leichtem Übergewicht, wirkt zunächst nicht wie jemand, der die Zukunft des Reisens entscheidend prägen könnte. Wer allerdings in die Branche hineinhorcht, erfährt schnell, dass der Hobbyflieger als heimlicher Star gilt und mit Investoren auf Augenhöhe verhandelt.

Sein Erfolg begründet sich weniger in technischen Errungenschaften als vielmehr in einfachen Kalkulationen: Wenn sich für Geschäftsleute die Reisezeiten zwischen den Kontinenten halbieren und sich die Preise an den marktüblichen Tarifen für die Businessklasse orientieren, dürfte die Nachfrage groß sein.

Mit einem Startkapital von nur 2 Millionen Euro gründete Scholl vor zwei Jahren seine Firma Boom Technology, der Knall, um diesen im Firmennamen angelegten Gedanken zu verfolgen: eine Art Mini-Concorde für Vielflieger. Der Start-up-Unternehmer ist sich sicher: "Mit unserem Angebot erleichtern wir den Alltag vieler Menschen." Seine Vorstellung: Geschäftsleute sollen die Möglichkeit haben, frühmorgens mit ihrer Familie in New York zu frühstücken, mittags ein Meeting in London zu besuchen und pünktlich wieder daheim sein, um die Kinder ins Bett zu bringen.

Schneller als die Concorde

Die Pläne klingen ehrgeizig: Der Boom-Jet bringt es auf doppelte Schallgeschwindigkeit und ist damit fast 200 Stundenkilometer schneller als die legendäre Concorde. Das Besondere: Bei einer Reiseflughöhe von etwa 20 000 Metern sehen die Passagiere die Erdkrümmung – wie in einem Schwebezustand zwischen Erde und Weltall. Ende nächsten Jahres soll es den ersten Probeflug mit einer Maschine geben, die etwa ein Drittel der Größe der späteren Serienprodukte besitzen soll.

Wenn die Vorhersagen in Erfüllung gehen, trägt vor allem der Preis zum Erfolg bei: Sämtliche Kalkulationen gehen von – grob geschätzt – 5000 Euro pro Platz und Flug aus. Die unbeliebten Sitze in der Mitte sind von vornherein gestrichen: Die 45 Passagiere können es sich direkt am Fenster bequem machen.

Eine Vision, die auch auf den britischen Milliardär Richard Branson Eindruck macht. Der eigenwillige Unternehmer, der sowohl als Musikproduzent als auch als Betreiber einer Fluggesellschaft  aktiv ist, wittert offenbar eine Chance in dieser Mischung aus Weltraum- und Luftfahrt. Seine Tochtergesellschaft Virgin Galactic übernimmt allem Anschein nach die Testläufe des Boom-Jets und soll später einmal die Verbundwerkstoffe herstellen, die bei solchen Rekordgeschwindigkeiten zwingend sind.

Büro über den Wolken: Die "Boom" soll ausschließlich Fensterplätze bieten, die für störungsfreies Arbeiten optimiert sind.

Quelle: Boom

Mit den Extremen kennt sich die Branson-Firma aus: Deren Techniker produzieren bereits heute Karbonfasern, die bei Mach-2-Reisen unerlässlich sind. Angesichts der enormen Reibungshitze fallen marktübliche Materialien wie Aluminium aus.

Wie eng der britische Investor mit den Tüftlern in Colorado verbandelt ist, lässt sich nicht genau einschätzen – Firmengeheimnis. Bestätigt ist aber eine Kaufoption auf die ersten zehn Maschinen. Auch soll es Interesse von anderen europäischen Unternehmen an einem Dutzend weiterer Boom-Jets geben. Aber das sind Spekulationen, zu denen sich weder Scholl noch andere Insider äußern.

Unstrittig ist, dass Überschall-Flüge insgesamt als recht gut erforscht gelten: Über drei Jahrzehnte hinweg war die Concorde zwischen den Kontinenten unterwegs und besaß einen legendären Ruf. Zu ihrem Niedergang trug nicht allein der Absturz einer Maschine in Paris im Jahr 2000 bei, der alle 109 Insassen das Leben kostete. Letztlich zwangen die Betriebskosten die "Königin der Lüfte" auf den Boden. Kein Wunder: Die Concorde wurde zu Zeiten entwickelt, als Spritpreise kaum eine Rolle spielten und das Interesse allein der Leistungsstärke galt.

Entfernungen schrumpfen lassen

Dagegen zählt Scholls Team zu den Millennials, die sich der Ressourcenknappheit bewusst sind. Sie schwärmen weniger von großen und schweren Maschinen als etwa vom legendären Investor Elon Musk, der kleine Raumfahrtunternehmen und Elektroautohersteller vorantreibt.

Gemeinsam ist ihnen ein ähnlicher Blick auf die Welt: "Eigentlich geht es nicht um das Höher, Schneller und Weiter", sagte Chefingenieur Joe Wilding, der gemeinsam mit Scholl das Kleinunternehmen auf die Beine stellte, kürzlich bei einer Präsentation. "Eigentlich wünschen wir uns doch nur das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Erdteile." So wie Facebook und Twitter die Menschen bereits in der digitalen Welt näherbringen, soll der neue Jet dazu beitragen, Entfernungen in der wirklichen Welt schrumpfen zu lassen.

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