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Waren Sie ein glückliches Kind?
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Interview mit Matthias Brandt Waren Sie ein glückliches Kind?

Für Krimifreunde ist Matthias Brandt ein guter Bekannter, privat lebt der Schauspieler eher zurückgezogen. Auch über seinen Vater, Altbundeskanzler Willy Brandt, spricht er selten. Doch jetzt hat der Schauspieler seine Kindheit in Buchform gefasst. Matthias Halbig traf ihn zum Gespräch in Berlin.

Aus Politikersohn Matthias Brandt wurde ein Schauspieler mit Vorliebe für komplizierte Charaktere: Ein Gespräch über die Kindheit im Kanzleramt, den Reiz von "Psycho" und die Eroberung von Freiräumen.

Quelle: Getty Images

Herr Brandt, in Ihrem Buch "Raumpatrouille" steht viel Interessantes. Ihr Vater, Altbundeskanzler Willy Brandt, konnte nicht Rad fahren. Sie tranken Kakao mit dem früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Doch es sind nur Geschichten, es gibt keine erkennbare Grenze zwischen Erfundenem und Geschehenem. Warum haben Sie keine Memoiren geschrieben?
Ich glaube nicht so recht an objektiv belegbare Erinnerungen. Wenn Leute ihre Memoiren veröffentlichen, hat das für mich meistens etwas von: "Jetzt erzähl ich euch mal, wie es wirklich war." Aber das geht meiner Meinung nach gar nicht.

Was war dann die Motivation zu diesen fiktionalisierten Erinnerungen?
Ich wollte mit dem Musiker Jens Thomas ein Projekt über unsere Kindheiten machen, für die Bühne, an ein Buch habe ich da noch gar nicht gedacht. Das war der erste Impuls. Und von Anfang an war klar, dass es kein rein autobiografischer Text sein sollte, dass er nur eine autobiografische Grundierung haben sollte.

Weil es einfacher ist, über sich und seine Familie zu schreiben, wenn man sie durch eine teilweise Fiktionalisierung vor zu viel Zurschaustellung schützt?
Nein, das war es weniger. Ich wollte einfach erzählerisch frei sein. Die Form des Geschichtenbandes hat sich gewissermaßen von selbst gefunden. Jens Thomas hat zur gleichen Zeit sein Album "Memory Boy" aufgenommen, Buch und Album erscheinen jetzt parallel und sind aufeinander bezogen. Letztlich ist auch das Buch aufgebaut wie ein Album. Und die Geschichten darin entsprechen den Songs.

Warum die Beschäftigung mit der Kindheit?
Weil man da die fundamentalen, emotionalen Prägungen erfährt. Wie ein Kreisel, der damals in Schwingung gebracht wurde und der sich bis heute dreht. Vieles von dem, was ich bin, ist damals initiiert worden.

Ein Klischee vom Berufspolitikerkind wird nicht erfüllt – das von der harten Kindheit in der prominenten Familie. Sie erscheinen als geradezu glückliches Kind.
Das war auch so.

Fiel Ihnen die Erinnerung leicht?
Ja, denn als Schauspieler brauche ich sowieso einen sehr direkten Zugang zu meinen Erinnerungen, weil das ja der emotionale Fundus ist, aus dem ich schöpfe. Ich habe zu meiner Kindheit immer eine enge Verbindung gehalten. Und musste deshalb auch keine Trümmer des Vergessens wegräumen.

Sie waren ein empathisches Kind, Sie hatten Mitgefühl für den schiefgesichtigen, brummeligen Herbert Wehner, für den alten, manchmal sehr vergesslichen Heinrich Lübke.
Für das Kind dieses Buchs sind Leute wie Heinrich Lübke und Herbert Wehner Arbeitskollegen des Vaters. Diese ganze Überhöhung, die mit meiner Herkunft einhergeht, ist ja nicht meine Perspektive. Ich habe unser Leben nicht als überhöht wahrgenommen, was sicher auch ein Verdienst meiner Eltern ist. Mein Vater hatte einen etwas merkwürdigen Beruf, anders jedenfalls als andere Väter. Das war es dann aber auch. Ich weiß natürlich, dass, wenn ich aus diesem Abschnitt meines Lebens erzähle, eine gewisse Schlüssellocherwartung vorhanden ist. Aber die wird enttäuscht, fürchte ich. Wie gesagt, es ging um die Beschäftigung mit Kindheit, und in meinem Fall kommen da eben auch Willy Brandt und die anderen von Ihnen Genannten vor. Die sind aber Nebenfiguren aus der Perspektive des Kindes. Außerdem, wenn Leute heute über meinen Vater reden, ist viel Projektion dabei.

Wie bei allen Charismatikern ...
Und mein Vater war ein großer Charismatiker. Vergleichbar mit Leuten wie Nelson Mandela oder Barack Obama. Auch bei denen muss man aber sagen: Die reale Person entspricht nicht der glorifizierten Figur.

Ihr Vater war oft weg. Und wenn er zu Hause ist, wirkt er dennoch abwesend.
Wenn ich mich heute mit Leuten aus meiner Generation unterhalte, dann war das doch insgesamt eine Generation abwesender Väter und keine Besonderheit meiner Familie. Auch wenn die um acht aus dem Haus gingen und um 17 Uhr zurückkamen, waren sie danach nicht bis zum Zubettgehen mit ihren Kindern beschäftigt. Die Väter jener Zeit waren oft verschlossen, was nach dem, was sie im Leben gesehen hatten, sicher gute Gründe hatte. Viele von ihnen waren noch im Krieg gewesen. Aber: Würde man den Beruf des Vaters in meinem Buch gegen den eines, meinetwegen, Geschäftsführers einer großen Firma austauschen, wären die Geschichten nahezu identisch.

Damals in Bonn: Willy Brandt mit Ehefrau Rut, Sohn Matthias sowie seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume (r.) im Jahr 1973 beim Sonntagsspaziergang.

Quelle: dpa

War Kindheit damals also besser?
Beobachtet man viele heutige Eltern, dann meinen die, alles würde gut, wenn sie nur immer den vermeintlichen Bedürfnissen ihres Kindes folgen. Vielleicht ist das ja aber auch ein Holzweg. Vielleicht war, was unsere Eltern gemacht haben, nämlich uns ein wenig mehr nebenbei laufen zu lassen, der freiere und bessere Weg als der, den Kindern so auf die Pelle zu rücken.

Das Kind soll heute ein Freund werden.
Ich wollte meine Eltern nicht als Spielkameraden. Ich wollte meinen Freiraum. Womit wir beim Buchtitel sind: "Raumpatrouille". Es ging ganz stark um die Eroberung und das Ausmessen von Räumen – inneren und äußeren.

Und jetzt rätselt der Leser für immer, was davon tatsächlich geschehen ist. Ein geheimnisumwittertes Buch für alle Zeit.
Nein, aber ein literarisches und kein zeithistorisches. Es geht nicht darum, die Nebelmaschine anzuwerfen. Aber bei einem Kind sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fließend. Ein Teil des Erwachsenwerdens ist, dass diese Grenzen sich manifestieren, klarer werden. Als Kind war für mich, was immer ich mir vorstellte, auch real.

Mit einem anderen Kind touren Sie seit 2013 - Ende offen. Sie steigen mit Jens Thomas live hinab in die Doppelseele des schizophrenen ewigen Muttersöhnchens und Muttermörders Norman Bates. Wie kamen Sie zu "Psycho"?
"Psycho" ist ein filmisches Meisterwerk. Über eine Lesung beim NDR bekam ich 2010 Kontakt mit dem Roman von Robert Bloch, den kaum einer kennt. Hitchcock hatte die Bücher damals aufkaufen lassen, damit die Leute das Schock-Ende seines Films nicht vorab erfuhren. Bei aller Kolportagehaftigkeit erkannte ich das Spielpotenzial der Geschichte. Der Bühnenmusiker Jens Thomas und ich verabredeten nur Anfang und Ende unseres "Psycho"-Abends. Dazwischen galt: aufeinander hören, aufeinander eingehen.

Es war also alles Improvisation wie im Jazz?
Ja, es ist mehr als eine musikalische Lesung, wo einer zwischendrin die Leute mit einem Instrumentalstück aufweckt. Im 19. Jahrhundert nannte man das, was wir machen, Melodram – von Melos (Lied) und Drama. Das Kino hat dem Begriff dann eine andere Bedeutung verliehen.

Brauchen Sie beide nach diesem irren Volldampfstück nicht Stunden, um von Norman runterzukommen?
Nein (lacht). Im Gegenteil. Wir werden alles auf der Bühne los. Da gibt es hinterher nichts Angestautes mehr.

Ist Ihr stiller "Polizeiruf"-Kommissar Hanns von Meuffels das Gegengewicht zum monströsen Norman Bates?
So denke ich nicht. Ich wusste nur, dass ich es nicht so mag, wenn Kommissare mit einem Sack voller Attribute vorgestellt werden, die diese armen Kerle dann immer abarbeiten müssen. Was mich gereizt hat an einer Krimireihe, war, dass man Zeit hat, so eine Figur allmählich zu entwickeln. Man erfährt die Dinge nach und nach, lernt Meuffels so kennen, wie man im Leben einen Menschen kennenlernt. Der erzählt einem ja auch nicht als Erstes seinen Lebenslauf.

Hat sich Ihr Privatleben durch die Popularität, die mit der Hauptrolle in einer Krimserie einhergeht, verändert?
Nicht wesentlich. Und darauf habe ich ja Einfluss. Das eine ist meine Arbeit. Was ich darüber hinaus tue, um meine Arbeit zu befördern oder mich darzustellen, habe ich doch in der Hand. Ich kann noch in 20 Unterhaltungsshows pro Jahr auftreten oder eben nicht. Es gibt für mich die Trennung: Ich gebe gern Auskunft über meine Arbeit, dann gehe ich nach Hause und das ist es gewesen. Da bin ich konsequent, das wird respektiert und so habe ich keinen Grund, mich zu beschweren.

Familienfreundlich ist der Beruf aber nicht. Ihr Kind hat bestimmt auch wenig Vater.
Woher wissen Sie das? Das muss man nur anders organisieren. Es ist bei mir eher wie bei einem Seefahrer: Ich bin erst lange weg und sehe dann eben zu, dass ich lange da bin.

Im Buch ist Ihr Vater auch einmal ganz da. Als er nach langem Anlauf doch noch aus "Karlsson" vorliest, sie ausfragt, mit Ihnen lacht. Es ist die letzte Geschichte des Buchs, der letzte "Song". Man hat förmlich die bärbeißige Westernheldenstimme Willy Brandts im Ohr und beschließt, den vorher so Distanzierten als Vater zu mögen.
Es gab auch andere mögliche Reihenfolgen, aber ich wusste immer, dass diese Geschichte dazugehören muss. Weil Zugewandtheit ein wesentlicher Zug dieses Vaters war.

Zur Person

Schauspieler mit Vorliebe für komplizierte Charaktere: Matthias Brandt bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises.

Quelle: dpa

Die Flure des Hotel Michelberger in der Warschauer Straße in Berlin sind hübsch dunkel tapeziert, das passt schon mal bestens zum Treffen mit dem Schauspieler Matthias Brandt. So denkt man sofort an das schreckliche Overlook-Hotel aus Stanley Kubricks Stephen-King-Verfilmung "Shining", die Matthias Brandt in seinem Programm "Angst" lebendig werden lässt.

Oder man denkt an das düstere Bates-Motel aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho". Denn wenn Brandt auf der Bühne "Psycho" liest/spielt und sein Begleiter Jens Thomas dazu Irrsinnsklänge produziert, wird dem Zuschauer aufs Köstlichste angst und bange. Gott sei Dank ist der Interviewraum hell, die Sonne des ersten heißen Spätaugusttags gießt sich durch die Fenster, der Ventilator verdreht die Luft, aus dem Restaurant des Innenhofs dringen Stimmen nach oben.

Durchbruch als Günther Guillaume

Im schwarzen T-Shirt lehnt sich Brandt auf dem Stuhl zurück. Über Familie redet er normalerweise nicht, jetzt hat er aber sein erstes Buch Buch namens "Raumpatrouille" (Kiepenheuer & Witsch, 176 S., 18 Euro) geschrieben. Darin erzählt er von der großen Zeit der Bonanzaräder und Romikaschuhe, von Tri-Top-Sirup und Fischli-Knabberei. Fiktionalisiert, aber wahrhaftig, hat er über seine Kindheit auf dem Bonner Venushügel geschrieben. Damit wollen er und Thomas (der das korrespondierende Popalbum "Memory Boy" geschaffen hat) bald auf die Bühne gehen. Und da wird die Familie eben doch Gesprächsthema.

Brandt wurde im Jahr 1961 geboren, ist verheiratet, hat eine Tochter. Er ist der jüngste von drei Söhnen des 1992 verstorbenen Altbundeskanzlers Willy Brandt mit seiner Ehefrau Rut. Er studierte in Hannover Schauspiel und begann seine Laufbahn 1985 am Oldenburgischen Staatstheater. Im Fernsehen wurde er 2003 bekannt, als er in "Im Schatten der Macht" der Spion Günter Guillaume war, dessen Enttarnung zum Rücktritt seines Vaters vom Kanzleramt führte. Im selben Jahr begann er Hörbücher einzulesen – 2010 auch Robert Blochs "Psycho".

Ausblick auf "Wölfe": Schon zum zweiten Mal steht im "Polizeiruf 110" Constanze (Barbara Auer) an Hanns von Meuffels Seite.

Quelle: BR/Christian Schulz

Als Münchner "Polizeiruf 110"-Kommissar Hanns von Meuffels ist Brandt seit 2011 auf dem Bildschirm unterwegs. Die am Sonntag anstehende Episode "Wölfe" ist der elfte Fall des leisen Kriminalers mit den schmunzelnden Augen. Regie führt zum zweiten Mal Christian Petzold. Derzeit dreht Brandt für Tom Tykwer "Berlin Babylon" – eine Krimserie aus der Weimarer Republik. "Viel los gerade." Brandt seufzt. Und lächelt.

Der erste Termin des "Raumpatrouille"-Programms "Life" ist am 25. September in Düsseldorf zu sehen. Am 2. und 3. November gastieren Brandt und Thomas im Berliner Ensemble und am 11. Januar 2017 im hannoverschen Pavillon. Parallel finden weiterhin "Psycho"- und "Angst"-Melodramen statt.

Sind die "Life"-Abende frei von Nervenkitzel? Nicht ganz. Die Geschichte "Alles anders" etwa, in der eine Dienstpistole in der Vorstellungskraft des Ich-erzählers kurz vor der Anwendung steht, wird so manchem Zuhörer vermutlich Schauer über den Rücken jagen.

Von Matthias Halbig

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