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Sind Sie schon erwachsen?
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Interview mit Schauspielerin Jella Haase Sind Sie schon erwachsen?

Jella Haase kann entwaffnend direkt sein. Am Ende des Gesprächs zieht sie Armbänder hervor. "Wollen Sie eins kaufen? Ist für einen guten Zweck." Offen spricht die Schauspielerin über "Fack ju Göhte", Mut und das Lebensgefühl ihrer Generation. Stefan Stosch hat zugehört und ein Armband gekauft.

Mehr als die Prollgöre Chantal aus "Fack ju Göhte": Die Schauspielerin Jella Haase ist eins der größten Talente des deutschen Kinos und hat eine Vorliebe für Figuren in Grenzsituationen.

Quelle: Getty

Frau Haase, Sie sind erst 23, arbeiten aber schon seit Jahren als Schauspielerin: Könnten Sie sich überhaupt noch einen anderen Beruf für sich vorstellen?
Ich bin schon sehr glücklich so. Wenn ich aus irgendeinem Grund meinen Job wechseln müsste, würde ich vielleicht etwas mit Kindern machen oder herumreisen oder studieren.

Seit wann zieht es Sie vor die Kamera?
Schon als Kind habe ich versucht, Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich wollte auch immer gefilmt werden. Als ich fünf war, hat der Papa meiner besten Freundin gesagt, dass ich garantiert Schauspielerin werde. Mit zehn sollte ich ein Musikinstrument lernen, aber darauf hatte ich absolut keine Lust. Dann habe ich entdeckt, dass es in der Musikschule in Neukölln eine Theatergruppe gibt. Und als bei meinem ersten Kurzfilm direkt neben meinem Ohr die Klappe geschlagen wurde, da wusste ich: Das will ich machen. Da war ich 15.

Das war ein ganz erstaunliches Debüt: Ein Teenager, also Ihre Filmfigur, lädt 13 Jungs zu sich ein, um mit ihnen Sex zu haben. Wo haben Sie als 15-Jährige den Mut zu einem Film hergenommen?
Das war ein Projekt an der Filmakademie Ludwigsburg, da war ja nichts Pornografisches dran. Ich war schließlich minderjährig! Meiner Mutter war das auch nicht geheuer, aber ich habe ihr gesagt: Mama, wenn ich das schaffe, dann schaffe ich alles.

Haben Sie sich später an einer Schauspielschule beworben?
Hatte ich überlegt, ich wollte sogar mein Abi schmeißen. Danach habe ich aber einfach weiter gedreht und gedreht. Heute hätte ich nicht mehr genug Muße, um mich in so eine verschulte Institution zu begeben. Es wäre wohl auch schwer zu studieren und gleichzeitig zu drehen. Meine Schauspielschule sind quasi die Kollegen am Set. Von denen lerne ich viel: von Senta Berger ganz zu Beginn bei meinem ersten Spielfilm oder jetzt von Marie-Lou Sellem in "Looping".

Zudem haben Sie ja bestimmt längst für die nächsten Filme unterschrieben, zum Beispiel für "Fack ju Göhte 3".
Da steht noch alles in den Sternen.

Wie läuft denn Ihr Studium an der FU Berlin?
Ich habe mich exmatrikulieren müssen, leider. Da war ich ein bisschen naiv. Das habe ich nicht alles gleichzeitig geschafft. Bei meinen Freundinnen sehe ich inzwischen, dass das Studium ein Vollzeitjob ist. Die haben für nichts anderes mehr Zeit.

Also nie mehr Vorlesungen in Geschichte?
Wie kommen Sie denn darauf? Das lasse ich mir offen. Ich bin doch noch jung.

Vermissen Sie die Uni schon?
Ich habe eine gewisse Sehnsucht, nach einer getakteten Woche, nach Normalität. Ich würde gerne soundso viele Stunden studieren und dann Freiheit haben. Beim Dreh funktioniert das nie. So oft regnet da noch ein Projekt rein. Ständig muss man sich entscheiden: Will ich den Film noch machen, oder fahre ich lieber mit meinen Freunden in die Ferien? Das ist tierisch anstrengend.

Teilen Sie Ihr Leben in die Zeit vor und nach "Fack ju Göhte" ein?
Nein, der Film hat für mich aber viele Türen geöffnet. Ich habe gelernt, wie man sich als öffentliche Person verhält. Mein Privatleben aber ist das gleiche geblieben. Das trenne ich bewusst: Es gibt die Schauspielwelt, und es gibt die andere. Viele meiner Freunde kennen gar nicht alle meine Filme. Das finde ich auch cool so.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie durch Ihre Rollen erwachsen geworden sind?
Ich bin noch nicht erwachsen.

Ach so.
Ich fühle mich jedenfalls nicht so. Meinem "Fack ju Göhte"-Regisseur Bora Dagtekin habe ich mal gesagt: "Vielleicht finden die Erwachsenen diesen Spruch witzig, aber ich nicht." Es gibt da also die Erwachsenen und mich. Ich bin aber selbstbewusster geworden. Bei jedem Film lerne ich dazu. Am Anfang lässt man noch alles mit sich machen und traut sich nicht zu sagen, was man will. Heute weiß ich, welchen Raum ich um mich brauche, damit gut wird, was ich tue.

Empfinden Sie die Rolle der Chantal als Segen oder als Fluch, weil Sie so stark damit identifiziert werden?
Ein Segen, auf jeden Fall. Zum Glück hatte mich die Branche durch "Lollipop Monster" und "Kriegerin" schon anders wahrgenommen. Nach der Chantal war dann klar: Ach, die Jella kann auch Komödie. Dass die Leute mich auf der Straße als Chantal erkennen, ist doch okay – solange ich die Freiheit habe, mich in anderen Rollen auszutoben.

Marisa (Alina Levshin, r) und Sandro (Gerdy Zint) weisen Svenja (Jella Haase) in einer Szene des Kinofilms "Kriegerin" in ihre Schranken.

Quelle: ZDF / dpa

Versuchen Sie, sich mit Ihrer Rollenwahl von Chantal abzusetzen?
Das ist keine Absetzbewegung. Manche Rollen kommen auch einfach auf mich zu. Ich arbeite da kein Schema ab, versuche aber zu variieren: Nach einer Komödie folgt vielleicht etwas Ernstes ...

... oder eine Zwergspitzdame namens Gidget wie im Animationsfilm "Pets", der gerade in den Kinos läuft. Wie spricht man eigentlich einen Zwergspitz?
Das wusste ich auch nicht so genau. Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe es ausprobiert. Was funktioniert, was nicht? Und jetzt spreche ich sie so, wie ich es für richtig halte. Beworben hatte ich mich auch für die Katze.

Ende August startet der Film "Looping" über drei Frauen, die Halt suchen und beieinander Trost finden. Demonstrativ ziehen Sie in einer Szene Ihr T-Shirt hoch und zeigen ihre nackten Brüste: Müssen Sie da schlucken oder gehört das zum Job?
Es ist immer schwierig, sich nackt und verletzlich zu machen, sei es nun durchs Spiel oder auch körperlich. Wenn es aber um die Geschichte geht, bin ich durchaus bereit, meinen Körper herzuzeigen. Ich habe ein ganz gesundes Körperbewusstsein, glaube ich. Ich habe auch nicht den Anspruch, dass mein Körper perfekt ist. So sehe ich eben aus. Aber es ist schon krass, die Szene im Kino zu sehen. Dann denke ich ganz kurz: Auweia!

Und die lesbischen Szenen? Sind die selbstverständlich?
Nein, das war schon auch schwierig, zumal wir drei Frauen ja ganz unterschiedlich alt sind. Ich musste bereit sein, Verliebtheit zu spielen. Da muss man manchmal auch eine Schamgrenze überwinden.

Würden Sie sich für eine Rolle, die das verlangt, zehn Kilo anfuttern oder auch abhungern?
Solange es innerhalb der Geschichte Sinn ergibt, würde ich jedenfalls ziemlich weit gehen. So etwas hat aber noch nie jemand verlangt. Das Krasseste an diesem Beruf ist eigentlich, dass du dich dem Urteil eines jeden Zuschauers aussetzt. Jeder Hanselmann kann irgendwo einen Kommentar druntersetzen. An einem schlechten Tag geht das richtig an die Nieren.

Sind Sie politisch? Engagieren Sie sich noch für Flüchtlinge?
Das habe ich mal in einem Interview preisgegeben, stimmt's? Hätte ich nicht tun sollen. Das klang so, als wenn ich mich hätte rühmen wollen, und das wollte ich gewiss nicht.

Also helfen Sie Flüchtlingen noch?
(Schweigen)

Gehen Sie auf die Straße, um für oder gegen etwas zu protestieren?
Ich finde es wichtig, seine Meinung kundzutun. Vor Kurzem habe ich am Christopher Street Day teilgenommen, das ist zwar zuerst eine richtig große Party, aber mit politischem Anspruch. Ich habe mich auch gerade mit einem Verein getroffen, der heißt "Mit offenen Armen". Die Leute haben Armbänder gemacht, die für Toleranz stehen sollen. Der Erlös kommt Flüchtlingsprojekten zugute.

Verstehen Sie es, wenn viele Ihrer Generation vorwerfen, unpolitisch zu sein?
Ein bisschen. Da ist viel Frustration im Spiel. Es ist schwierig, alles nachzuvollziehen, was in dieser komplizierten Welt passiert. Das sehe ich auch an mir selbst. Du musst so viel Hintergrundwissen haben, um überhaupt in eine Debatte einsteigen zu können. Ich glaube, es ist ein Versäumnis der jetzigen Politik zu erklären, worum es wirklich geht. Die Politiker werfen sich gegenseitig Dinge an den Kopf, statt nach Lösungen zu suchen. Ich kann schon verstehen, dass man da aussteigt. Aber es ist wichtig, dass Leute meines Alters nachkommen, die neu an die Dinge herangehen.

Fühlen Sie sich durch den nicht abreißenden Bombenterror verunsichert in Ihrem Alltag?
Absolut. Da hängt etwas ganz Komisches wie eine Glocke über uns. Ich möchte aber trotzdem mein Leben normal weiterleben.

Werden Sie sich künftig im Menschengewimmel auf dem roten Teppich verstohlen umschauen, ob von irgendwo Gefahr droht?
Wenn etwas Schreckliches passiert, passiert es. Da kann man sich nicht gegen wehren. Ich will mich auch nicht verrückt machen lassen. Ich will ohne Angst über einen roten Teppich gehen.

Zur Person

Jella Haase als liebenswerte Prollgöre Chantal mit Elyas M’Barek und Gizem Emre auf Klassenfahrt in "Fack ju Göhte 2".

Quelle: Constantin

Grellbunte Leggings, Basecap, blauer Lidschatten: So sieht die Prollgöre aus den "Fack ju Göhte"-Filmen aus, die die Herzen der Kinozuschauer in nun schon zwei Kinofilmen erobert hat. Keinesfalls aber sollte man den Fehler begehen, die Tussi Chantal mit der Berliner Schauspielerin Jella Haase zu verwechseln. Das liebenswerte Dummchen ist nur eine Rolle in der bereits erstaunlich langen Filmografie der 23-Jährigen – allerdings diejenige, mit der sie endgültig zu einer der gefragtesten Nachwuchsdarstellerinnen dieser Republik wurde.

Die Schulklassenkomödie, besetzt mit Prominenz von Elyas M'Barek über Karoline Herfurth bis zu Katja Riemann war vor drei Jahren der große Abräumer an den Kinokassen, dem naturgemäß mittlerweile ein zweiter Teil gefolgt ist. Weitere Fortsetzungen? Keinesfalls ausgeschlossen. Vor der Kamera stand Haase schon viel früher und riskierte dabei einiges. Besonders der Kurzfilm "Der letzte Rest" über eine Gangbang-Party sorgte 2009 bei ihren Eltern für gehöriges Stirnrunzeln.

Einen ersten großen Auftritt hatte Haase in der Fernsehkomödie "Mama kommt" als Filmtochter von Senta Berger. Auch aus einigen "Tatort"-Folgen kennt man sie. Zuletzt starb Haase als Dresdner Polizeianwärterin einen brutalen Tod in der Volksmusikszene, ermordet in einem Einkaufszentrum.

Teenager in Grenzsituationen

Auf der großen Leinwand wagt sich Haase immer wieder an Rollen von Teenagern in Grenzsituationen: In "Lollipop Monster" (2011) verliert sie die Wirklichkeit aus den Augen und flüchtet in eine gefährliche Traumwelt. In "Kriegerin" (ebenfalls 2011) driftet sie als Schülerin aus bürgerlichem Hause in die ostdeutsche Neonazi-Szene ab, in "4 Könige" (2015) verbringt sie Weihnachten mit drei Schicksalsgenossen in der Jugendpsychiatrie. Auch in der jüngsten und viel gelobten "Heidi"-Verfilmung (2016) war sie dabei.

Gerade leiht Haase in dem Animationsfilm "Pets" der Zwergspitzdame Gidget ihre Stimme, Ende August sucht sie als Rummelplatz-Mädchen Leila in "Looping" einen Platz im Leben. Momentan ist sie mit dem Fernsehfilm "Das Leben danach" beschäftigt, in dem sie eine von der Loveparade-Katastrophe in Duisburg traumatisierte Frau spielt.

Vielbeschäftigt und vielfach ausgezeichnet: Jella Haase hat ihr Studium – zumindest vorerst – für die Schauspielerei auf Eis gelegt.

Quelle: dpa

Schwer zu glauben, dass die Tochter einer Zahnärztin bei all diesen Verpflichtungen noch Zeit für anderes findet. Haase lebt in einer Berliner Wohngemeinschaft ("meine zweite eigene Wohnung") und hat früher regelmäßig Vereinsfußball gespielt. Ein paar Semester studierte sie an der Freien Universität Berlin die Fächer Geschichte, Philosophie und Literaturwissenschaften. Wenn sie es dann tatsächlich mal zur Vorlesung schaffte, setzte sie sich am liebsten in die letzte Reihe, um nicht weiter aufzufallen.

Früher hing in Haases Zimmer ein Starfoto von Johnny Depp. Das war der Held ihrer Jugend. "Wenn ich den heute träfe, würde mir das Herz vermutlich immer noch bis zum Hals schlagen", sagt sie. Umgekehrt aber erlebt sie es, dass ihre ganz jungen Fans zittern, wenn sie ihr begegnen. "Das finde ich richtig süß", sagt Jella Haase.

Von Stefan Stosch

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