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Modetrend “Halfdressing“ Halbe Sachen

So viele Entscheidungen wollen täglich getroffen werden. Da ist es geradezu entspannend, dass der neueste Modetrend uns erlaubt, einfach alles wild zu kombinieren, ohne uns festlegen zu müssen.

Nein, da fehlt nichts: Oscar-Gewinnerin Emma Stone halb in Dessous, halb im Abendkleid.

Quelle: picture alliance / Photoshot

Hannover. Ein Kollege schrieb vor ein paar Tagen in einer E-Mail: “Kann man diesen Drehbuchautor für 2017 echt mal feuern?

Russlanddeutscher will Fußballmannschaft töten, um an der Börse reich zu werden.

Bundeswehroffizier, der eine Tarnidentität als jüdisch-christlicher Obsthändler aus Syrien annimmt, versteckt historische Waffe auf dem Wiener Flughafenklo, um Berliner Aktivisten umzubringen.

Mit einer indischstämmigen Schweizerin verheiratete Lesbe führt Nationalistenpartei in den Wahlkampf.“

Natürlich ist dem Kollegen klar, dass es keinen Drehbuchautor gibt, der für all diese Ereignisse verantwortlich ist. Aber mit Sicherheit hat er so manchem Mitmenschen aus der Seele gesprochen.

Es ist, wie es ist: Wir leben in einigermaßen unruhigen Zeiten. Magazine und Zeitschriften sind schließlich nicht umsonst voller Ratschläge, wie man die unsichere Weltlage Kindern erklärt. Oder wie man heute noch ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Vielleicht flüchten sich die Modemacher auch deshalb zurzeit entweder gleich ins All (sie denken voller Liebe fürs Detail an die vergleichsweise ruhigen Neunzigerjahre zurück, in denen zumindest gefühlt und bevor die Irakkriege anfingen, ein bisschen weltpolitische Ruhe einkehrte.

Eine Entscheidung weniger

Dazu passt ganz wunderbar das, was zurzeit auf den roten Teppichen Hollywoods und anderswo zu beobachten ist: Wer sich nicht entscheiden kann, nimmt einfach alles. Für die Kleidung bedeutet das die Entstehung von Hybriden: Bei Simone Rocha etwa ist ein Kleid zugleich Trenchcoat, beim Label Monse gibt es eine feine Anzughose und robuste Cargo-Pants in einem – je nachdem, auf welches Hosenbein man zuerst guckt. Für moderne Menschen, die morgens zwischen 28 Möglichkeiten, den Kaffee zu trinken, wählen müssen, ist dieser Trend sicherlich eine willkommene Geste. Denn, wer “halfdressed“ ist, gönnt sich zumindest beim Outfit Entspannung, eine Entscheidung weniger am Tag.

Natürlich gibt es auch beim “Halfdressing“ Vertreter, die die Idee mal wieder auf die Spitze treiben. Deshalb kann es passieren, dass man Menschen begegnet, die angesichts der Mode auf eines von zwei Hosenbeinen gleich ganz verzichten und dieses auch durch keinerlei Stoff ersetzen. Rapperin Nicki Minaj etwa ließ kürzlich einfach eine Brust unbedeckt. Nun ja.

Vorbild Carrie aus „Sex and the City“

Eine der ersten Prominenten, die das “Halfdressing“ für sich entdeckte, war Schauspielerin Kate Bosworth, die Anfang des Jahres in einem Blümchenkleid von Giambattista Valli aussah, als hätte sie vergessen, mit dem Arm in den zweiten Ärmel zu schlüpfen. Tatsächlich ist es angesichts der zipfeligen Kreationen zu diesem Thema gar nicht so leicht, “halfdressed“ und zugleich ordentlich zu wirken.

“Halfdressing“ funktioniert aber auch unkompliziert und ist dann sogar alltagstauglich. Wer sich für eine Party nicht allzu sehr herausputzen möchte, wählt zum Glitzerrock einfach ein schlichtes, vielleicht sogar schlabberiges T-Shirt. Oder andersherum: zum Glitzertop die Jeans. Miucca Prada macht seit Jahren vor, wie das geht – und kleidet sich entsprechend. Und Sarah Jessica Parker trug solche Outfits in der schon fast zum Klassiker mutierten Fernsehserie “Sex and the City“. Womit wir wieder ganz entspannt in den Neunzigerjahren wären.

Von Dany Schrader

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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