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Verschreibt mehr Placebos!
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Gastbeitrag von Eckart von Hirschhausen Verschreibt mehr Placebos!

Es ist wirkstofffrei – und hat mitunter dennoch wundersame Wirkung: das Placebo. Früher hieß es, die Scheinmedikamente entlarvten vor allem eingebildete Kranke. Heute weiß man: Sie helfen tatsächlich – auch in schwereren Fällen, berichtet Eckart von Hirschhausen in einem Gastbeitrag für HAZ.de.

Die Kraft der Einbildung ist nicht zu unterschätzen: Inzwischen glaubt auch die Wissenschaft daran, dass Placebo-Medikamente Patienten helfen können.
 

Quelle: Shutterstock

Es soll 1944, während des Zweiten Weltkriegs, passiert sein: Eine Krankenschwester kümmerte sich um einen verwundeten Soldaten, der unter furchtbaren Schmerzen litt. Dem Lazarett war das Morphium ausgegangen, das stärkste Schmerzmittel dieser Zeit – und die Schwester brachte es nicht übers Herz, dem Leidenden zu sagen, dass sie nichts für ihn tun könne. Stattdessen zog sie in einer großen gläsernen Spritze Kochsalzlösung auf, gab die Injektion und sagte dem Soldaten: „Das ist ein starkes Medikament, es wird Ihnen gleich besser gehen.“ So geschah es.

Die Krankenschwester handelte intuitiv – aus Mitgefühl. Sie nutzte ein Phänomen, das einem Wunder gleicht. Sie werden erraten haben, wovon ich spreche: vom Placebo-Effekt. Lange wollte die wissenschaftliche Medizin nichts davon wissen, wie mächtig die Kräfte der Erwartung und der positiven Einstellung sind. In meinem Studium hieß es noch: Wenn jemand auf Placebo-Schmerzmedikation anspricht, ist das ein Beweis dafür, dass er eigentlich nie echte Schmerzen gehabt hat.

Den Schmerz wegpusten

Dabei können wir im Alltag vieles tun, um dem Schmerz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn sie einen Weisheitszahn gezogen bekommen, tut das weh, und die meisten gehen nach Hause und leiden im stillen Kämmerlein. Viel besser ist es, arbeiten zu gehen. Je weniger sie sich mit dem Schmerz beschäftigen, desto weniger gräbt er sich im Gedächtnis ein.

Jede mitfühlende Mutter und auch jeder Vater hat schon einmal dem Kind aufs Knie gepustet, ein “Aua“ weggerubbelt oder einen Saft mit Suggestionskraft aufgeladen: Der macht dich groß und stark! Warum soll das bei Erwachsenen anders sein?

Ärzte können lernen, mehr auf ihre Wirkung zu achten und einfache Dinge zu beherzigen, die schon einen Unterschied machen: Blickkontakt aufnehmen, aktiv zuhören, Gefühle wahrnehmen und spiegeln, Erwartungen erfragen, Ängste ausräumen und positive Erwartungen wecken. Glaube, Liebe, Hoffnung sind uralte Wirkmittel, und sie in der Tablette allein zu suchen ist einer der großen Irrtümer der Mediziner.

Placebotest mit Kaffeemaschine

Hier ist die Anleitung für einen kleinen Placebotest am Arbeitsplatz. Überall, wo Menschen arbeiten, gibt es eine Kaffeemaschine, weil Kaffee wach macht. Das liegt am Koffein, oder?

Machen Sie den Test:

Besorgen Sie sich eine Placebovariante der Sorte Kaffee, die Sie für gewöhnlich im Büro trinken, sprich: koffeinfreien Kaffee.

Tauschen Sie heimlich die Bohnen oder das Pulver aus.

Erhöhen Sie die Dosierung, damit der Kaffee stärker schmeckt.

Beobachten Sie die Reaktionen Ihrer Kollegen.

Trinken Sie selbst den Kaffee und fragen Sie sich, ob Sie den Unterschied bemerkt hätten.

Ich wette, mindestens ein Kollege wird sagen: “Boah, der ist aber stark heute. Mensch, der geht mir voll auf die Pumpe, das spüre ich sofort.“

Konditionierung ist alles

Wir verbinden Kaffeetrinken mit angeregter Stimmung – allerdings ist es selbst mit Koffein unmöglich, sofort eine Wirkung zu erzielen, die nicht auf Konditionierung beruht. Denn damit Koffein wirken kann, muss es erst einmal in den Nervenzellen im Gehirn ankommen. Und dazu braucht es etwas Zeit: Der Kaffee muss durch Mund, Schlund, Speiseröhre, Magen und Darm, von dort ins Blut, vom Blut ins Hirn, mit dem Transporter in die Nervenzelle, und erst dann kann sich etwas tun. Das dauert einen Moment, mindestens eine Viertelstunde.

Wer also nach einem Schluck schon eine anregende Wirkung spürt, schafft das mit etwas Übung auch mit einem Schluck kalten Wassers. Fakt ist: Kaffee gelangt, auch wenn Sie beim Trinken den Kopf weit in den Nacken legen, nicht direkt vom Mund ins Hirn – wenn er das tun sollte, sprechen Sie umgehend mit Ihrem Zahnarzt, dann haben Sie ein ganz anderes Problem.

Nur der Anstoß von außen

So wie das Koffein aus dem Kaffee schon wirkt, bevor es im Blut ist, wirkt auch jede Kopfschmerztablette bereits in dem Moment, ab dem wir wissen, dass sie gleich helfen wird. Das Verblüffende: Haben wir dreimal erlebt, dass ein echtes Medikament hilft, kann beim vierten Mal auch ein identisch aussehendes Scheinmedikament eingenommen werden – mit ähnlicher Wirkung. Das ist nicht nur für leichtere Medikamente wie Kopfschmerzmittel und Asthmasprays nachgewiesen worden, sondern sogar für Medikamente, die nach einer Organtransplantation auf das Immunsystem wirken.

Die praktische Konsequenz aus dieser Erkenntnis könnte zukünftig sein, echte Medikamente bei jeder vierten Gabe durch etwas mit weniger Nebenwirkungen zu ersetzen und somit einzusparen. Es braucht zuerst den Anstoß von außen, es braucht das wirksame Mittel; aber wenn unser Körper die Wirkung gelernt hat, übernimmt unser innerer Heiler.

Fünf Dinge, die Sie über Placebos womöglich noch nicht wussten:

Placebos wirken auch, wenn man weiß, dass es welche sind.

Blaue Placebos beruhigen, rote regen an.

Teure Placebos zeigen mehr Wirkung als billige.

Placebos, die der Chefarzt im weißen Kittel verabreicht, wirken besser als die vom Pfleger im Poloshirt.

Nur etwa 20 Prozent der konventionellen Medizin sind nachgewiesenermaßen wirksamer als Placebos.

Früher glaubte man an die Macht der Sprache und der inneren Bilder. So war es Brauch, dem Patienten einen Satz aus der Bibel auf ein Stück Papier zu schreiben und zum Essen zu geben. Der Zettel wurde gekaut und heruntergeschluckt, um sich die wohltuenden Worte im wahrsten Sinne einzuverleiben.

Manchmal frage ich mich, was heute passieren würde, wenn die Menschen die Tabletten wegwerfen und dafür den Beipackzettel kauen und herunterschlucken würden? Da bekommt das Wort “Scheinmedikament“ eine ganz neue Bedeutung.

Dr. Eckart von Hirschhausen studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Zuletzt erschien von ihm das Buch “Wunder wirken Wunder“ (Rowohlt Verlag, Hardcover, 19,95 Euro).

Von Eckart von Hirschhausen

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