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Wie diese jungen Streicher die Kammermusik neu erfinden
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Vision String Quartet Wie diese jungen Streicher die Kammermusik neu erfinden

Überflieger aus Überdruss: Wie das Vision String Quartet die Kammermusik neu erfindet. Nach der Schule begannen die vier jungen Männer, eigene Stücke zu komponieren, die sich an Pop, Jazz, Funk und Rock orientierten.

Revolutionieren die Kammermusik: Vision String Quartet.

Quelle: Handout

Jetzt strengt euch alle mal an“, sagt Jakob Encke, „es soll ja gut werden.“ Vermutlich ist es mehr Scherz als ernsthafte Aufforderung, wenn der Geiger seine Quartettkollegen bei der Probe im Übungsraum in der Berliner Universität der Künste zu besonderem Engagement auffordert. An Einsatz mangelt es den jungen Musikern nämlich eigentlich nicht. Das ist zum Beispiel gut auf dem Video zu erkennen, das einen Auftritt des Vision String Quartets in Genf im vergangenen November dokumentiert.

Schon nach ein paar Minuten des Bartok-Quartetts, mit dem die vier ihr Konzert dort beginnen, hängen die ersten Haare zerfetzt von den Bögen. Die Musiker streichen so beherzt über die Saiten, wie man es sonst eigentlich nur bei einem Solisten im Orchesterkonzert sieht - Material und Kräfte werden nicht geschont. Das kann man Anstrengung nennen. Und gut ist es erwiesenermaßen auch: Der Auftritt war das Abschlusskonzert des renommierten Genfer Musikwettbewerbs, bei dem das Vision String Quartet 2016 den ersten Preis und alle Sonderpreise gewonnen hat.

Wettbewerb? Gewonnen!

Der Sieg in Genf war der Startschuss für eine internationale Karriere des 2012 gegründeten Ensembles. Ganz überraschend kam er allerdings nicht: Gemeinsam haben die beiden Geiger Encke und Daniel Stoll, Bratscher Sander Stuart und Cellist Leonard Disselhorst bislang jeden Wettbewerb gewonnen, an dem sie teilgenommen haben. Die Säle, in denen sie auftreten, werden von Monat zu Monat größer, und gerade werden die ersten Tourneen nach Asien und in die USA geplant. Es deutet manches darauf hin, dass die Mittzwanziger die Klassikstars von morgen sein könnten.

Konzert

Das Konzert: Am 23. April, 11 Uhr, spielt das Vision String Quartet bei den Movimentos-Festwochen in der Wolfsburger Autostadt. Beim Festival sind unter anderem auch das Sharon Kam Trio (16. Mai), Bratscher Nils Mönkemeyer und Pianist William Youn (9. Mai) zu hören. Kartentelefon: (05 11) 12 12 33 33.

Umso erstaunlicher, dass das Quartett seine Existenz einem gewissen Überdruss an der Klassik verdankt. Ausgebildet wurden die Musiker zunächst an der hannoverschen Musikhochschule: am IFF, dem Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter, das reihenweise erfolgreiche Musiker wie Igor Levit oder Joana Mallwitz hervorgebracht hat.

"Wir haben das zunächst nur zum Spaß gemacht"

„Gegen Ende der Schulzeit hatten wir Lust, mal andere Sachen auszuprobieren“, erzählt Encke. Statt Mozart und Beethoven setzten die jungen Musiker eigene Stücke und Arrangements aufs Programm, die sich an Pop und Jazz, an Funk und Rock orientierten. „Wir haben das zunächst nur zum Spaß gemacht“, sagt der erste Geiger. Begonnen hat die Gruppe zu sechst, bald aber kristallisierte sich die klassische Viererbesetzung heraus. „Irgendwann haben wir dann gedacht, wenn wir schon ein Quartett sind, können wir auch mal Klassik spielen“, erzählt der zweite Geiger Daniel Stoll.

So war das Konzept geboren, dass das Vision String Quartet von den meisten anderen Streichquartetten unterscheidet: In der Regel spielt es erst klassische Werke, nach der Pause gibt es dann Jazz und Pop. Und natürlich nehmen die Musiker auch diese zweite Hälfte sehr ernst: „Wir wollen nicht wie ein Streichquartett wirken, das Jazz spielt“, sagt Bratscher Stuart, „sondern wie eine richtige Band.“ Mit Scheinwerfern, Discokugel und Rockstarposen wird ein Kammermusikkonzert bei ihnen so zur großen Show.

„Das Streichquartett gilt spätestens seit Beethoven als der Inbegriff der Tradition“, sagt Stoll. Erstaunlicherweise werde das so gut wie nie hinterfragt. „Wir wollen herausfinden, was da noch alles möglich ist.“ Darum erproben sie auch im klassischen Repertoire neue Ausdrucksformen. Notenständer etwa sucht man beim Vision String Quartet auch bei den komplexesten Werken vergebens. „Man kann viel besser kommunizieren, wenn man auswendig spielt“, sagt Encke. „sowohl untereinander als auch mit dem Publikum.“

Karriere zu viert

Natürlich erfordert so etwas viele Proben - mehr als 300 Tage im Jahr arbeiten die vier zusammen - und bedingungslosen Einsatz. „Wer so eine fragile Sache wie ein Streichquartett aufbauen will, darf sich nicht durch andere Dinge ablenken lassen“, sagt Cellist Disselhorst. Er selbst hat vor einiger Zeit ein Probespiel um eine Akademistenstelle bei Daniel Barenboims Berliner Staatskapelle gewonnen. Angetreten hat er die Stelle dann aber doch nicht: Eine Karriere zu viert ist auch ihm wichtiger als seine eigene. „Unser aller Leben ist inzwischen auf das Ensemble ausgerichtet“, fasst Encke die Situation zusammen. Und so weit die vier auch schon gekommen sind: Erst vom kommenden Semester an studieren die vier, die lange in verschiedenen Städten gewohnt haben, gemeinsam in Berlin. Ihr Leben als Streichquartett hat gerade erst begonnen.

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