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Klangbrücken-Festival mit Werke von Wolfgang Rihm
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Kleiner Sendesaal Klangbrücken-Festival mit Werke von Wolfgang Rihm

Das Klangbrücken-Festival im Kleinen Sendesaal des NDR widmet sich dem Werk des Komponisten Wolfgang Rihm. 

Das Klangbrücken-Festival im Kleinen Sendesaal des NDR

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Der Schlager irrt, auch wenn er dank Karat und Peter Maffay ein gesamtdeutscher Hit war: „Über sieben Brücken musst du gehn“. Wenn man das Klangmeer von Wolfgang Rihm auch nur ansatzweise durchqueren will, braucht man mindestens acht Brücken. 

Das haben sich die Programmmacher rund um Klaus Angermann, dem Chefdramaturgen der hannoverschen Staatsoper, gedacht. Und sie haben dem wohl produktivsten deutsche Komponisten acht Konzerte sowie ein wissenschaftliches Symposium gewidmet.

Das Klangbrücken-Festival widmet sich dem Werk des Komponisten Wolfgang Rihm 

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Beim Klangbrücken-Festival finden sich unter dem Dach des Netzwerks Musik 21 fast alle Klangerzeuger zusammen, die sich auch oder - noch lieber - vor allem der neueren Musik widmen: Staatsoper, NDR, Musikhochschule und viele andere. Eine der hübschesten Ideen des diesjährigen Festivals ist, dass am Sonntag im Staatsopern-Konzert Wolfgang Rihms ganz frühe 1. Sinfonie wiederkehrt, die vor 33 Jahren hier uraufgeführt wurde.

Kaum mehr vorstellbar, wie vor gut vier Jahrzehnten Rihm von den Hardcore-Avantgardisten abgefertigt wurde: als Neuromantiker, der er nie war, und als Postmoderner, der er nicht ist, weil bei ihm kein „anything goes“ regiert. Gewiss, (fast) alles ginge, aber nichts ist beliebig oder austauschbar.

Die ersten Rihm-Töne, mit denen im Kleinen Sendesaal des NDR das Klangbrücken-Festival begann, ließen den Meister der Klangentfaltungen, der üppigen Askese und der klug dosierten Ekstase, vorsichtig erahnen. Sein pointiertes „Stück für Schlagzeugtrio“ ist ein raffiniert verschachteltes Konstrukt für sparsamste Percussionstöne. Die drei Schlagzeuger versuchen, das Sagen zu haben, den ersten und den letzten Schlag. Am Ende geben sie auf, werfen ihre Schlegel in die Luft und brabbeln resigniert vor sich hin. Das ist Musik mit einem Frage- und keinem Ausrufezeichen.

Zwei Rihm-Schüler bewiesen, wie sehr der Lehrer seinen jüngeren Kollegen Freiräume lässt. Vito Zurajs „Quiet, please“ ließ eher auf einen Schüler von Maurice Kagel schließen (dem vor einem Jahr das Festival gewidmet war): eine leicht clowneske Finger- und Lippenübung für Blechbläsermundstücke, die den Konzertalltag mit seinen Störgeräuschen karikieren will.

Bei Rebecca Saunders’ „blaauw“ für Doppelschalltrichtertrompete (die für den Instrumentenerfinder Marco Blaauw geschrieben wurde) fasziniert zunächst die Neugierde auf dieses kuriose Instrument, in dem ein zweiter Schalltrichter zuspielbar ist. Wie geht das? Wie klingt das? Warum tönt das noch, wenn Solist Matthew Sadler gar nicht mehr bläst? Aber dann entwickelt dieses Solo für zweierlei Klänge doch seinen ganz eigenen, leisen Zauber.

Lauter geht es zu, wenn mit Wolfgang Rihm „Klangbeschreibung II (innere Grenze)“ ein ebenso subtiles wie komplexes Stück den Klangraum mit Raumklang füllt, weil die Schlagzeuger und die Bläser im Konzertsaal verteilt sind. Dagegen wirkte Rihms „Sine nomine I“ für Blechbläserquintett vor der Pause wie eine Vorstudie.

Eine halbe Stunde lang entwickelt Rihm in seiner „Klangbeschreibung“ aus einem einsamen, wiederholten Hornton ein Klanggespinst. Die vier Vokalistinnen lassen ihre Textfetzen (den zugrunde liegenden Nietzsche-Text muss man nicht kennen) ausklingen. Die Blechbläser machen ihre Einwürfe wie Schlagzeugakzente. Man muss die Struktur des Stücks nicht durchschauen, um die Sogkraft zu spüren. Alles wirkt zwingend. Auch der Schluss, der dem „Tod“ einen Trommelwirbel gönnt, ehe er spitz abbricht.

Eine starke Leistung vom Ensemble Schwerpunkt und dem Ensemble S unter dem Dirigenten Scott Voyles. Und ein vielversprechender Auftakt dieses Festivals.

Klangbrücken: Heute Abend geht es um 19.30 Uhr in der Musikhochschule mit „Rihm: Stimmen“ weiter, am Sonntag um 17 Uhr erklingt Rihm im Sinfoniekonzert in der Staatsoper.

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