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Tötet diese Wirtschaft, Herr Landesbischof?
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Nachhaltigkeit Tötet diese Wirtschaft, Herr Landesbischof?

Landesbischof Ralf Meister spricht mit der HAZ über Nachhaltigkeit, die Bändigung des Kapitalismus und eine Ethik des Verzichts.

Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, aufgenommen in seinem Büro.

Quelle: imago

Hannover. Herr Landesbischof, am Silvesterabend haben Sie Ihrer Tochter versprochen, drei Monate lang kein Fleisch zu essen. Und? Haben Sie sich daran gehalten? Auch während der Fastenzeit, die jetzt zu Ende geht?

Ich habe einmal tatsächlich überlegt, ob ich Fleischstückchen aus einer Hühnersuppe heraussortieren soll, aber Wegwerfen ist ja auch keine Lösung. Ansonsten habe ich mich daran gehalten. Wir verzichten größtenteils auf Fleisch und kaufen es sehr bewusst ein - und das nicht nur während der Fastenzeit.

Das Thema Nachhaltigkeit treibt Sie seit Jahren um...

Unter Nachhaltigkeit verstehe ich ein Leben im Einvernehmen mit der Schöpfung Gottes; ein Leben, das die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner garantiert. So, wie wir in der westlichen Welt unsere Bedürfnisse befriedigen, was Wasser- und Stromverbrauch oder Nahrungsmittel anbelangt, bräuchten wir eigentlich drei Erdbälle. Wir stehen vor der Frage, wie nachhaltig ein Wirtschaftssystem sein kann, das permanent auf Wachstum ausgerichtet ist, wenn doch die Ressourcen der Erde begrenzt sind. Wir müssen neu lernen, maßzuhalten.

Ihr römischer Kollege, Papst Franziskus, hat das auf die griffige Formel gebracht: „Diese Wirtschaft tötet“. Würden Sie das unterschreiben?

Jede Wirtschaftsform kann verbrecherisch werden, wenn sie falsch eingesetzt wird - das gilt für den Marxismus ebenso wie für die unsoziale Marktwirtschaft. Zu einem modernen Weltbild gehören meines Erachtens vier Dimensionen: Ökologie, Ökonomie, die soziale Gerechtigkeit und das Spirituelle. „Spirituell“ meint: Hinter all dem steht eine gemeinsame Geisteshaltung, ein Verständnis von der Endlichkeit der Erde, davon, dass die Schöpfung uns geschenkt ist. Der Lutherische Weltbund hat zum Reformationsjubiläum einen Slogan geprägt: „Creation is not for sale“ - „Die Schöpfung ist nicht zu verkaufen“. Es gibt etwas, das unverhandelbar ist und bleiben muss. Das ist eine Erkenntnis, die die Kirchen ins Wirtschaftsleben einbringen müssen.

Wie nachhaltig unsere Wirtschaft ist, bestimmen letztlich wir alle: Als Verbraucher stehen wir doch am Ende der Nahrungskette und müssen entscheiden, wie viel wir uns Biofleisch kosten lassen.

Das stimmt. Doch der freie Markt kennt keine Moral. Wer wirklich das Wohl der Tiere verbessern will, darf nicht darauf warten, bis die Verbraucher mit guten Worten überzeugt sind. Es braucht auch rechtliche Rahmenbedingungen, Gesetze und Verordnungen, die Grenzen setzen. Die Kennzeichnungspflicht für Eier hat dazu geführt, dass immer weniger Käfig­eier gekauft wurden und heute kaum noch welche im Handel sind. Erst solche Verordnungen führen auch zu einem veränderten Verbraucherverhalten.

Heißt das, dass man auch dem entfesselten Kapitalismus Grenzen setzen muss?

Wir sind ja dabei. Auch Manager sehen doch längst, dass der aufgeklärte, soziale Unternehmer nicht alleinige Autorität sein kann, wenn es darum geht, den Markt moralisch zu gestalten. Es muss Regularien geben, wir müssen den freien Markt bändigen. Es ist doch ein Unding, dass US-Konzerne aus der Digitalbranche, die einen großen Teil ihres Umsatzes in Europa machen, hier keine oder nur geringe Steuern zahlen. Über die Vorstandsgehälter der VW-Manager ist schon alles gesagt. Da ist es nötig, Grenzen zu setzen.

Grenzen setzt auch Donald Trump - im buchstäblichen Sinne, indem er Protektionismus praktiziert. Ist seine Wahl nicht auch eine Reaktion auf den globalen Kapitalismus?

Protektionismus ist eine wirtschaftliche Position, deren Auswirkungen ökonomisch wie sozial, national wie international völlig unterschiedlich sein können. Zu ökologischen Fragen wie dem Klimawandel ist Trumps Haltung von vorgestern. Ich glaube nicht, dass man die Herausforderung dieser Welt und die Zukunft unserer Erde national lösen kann. Trump zielt auf schnelle ökonomische Effekte. Ich glaube, das ist alles andere als nachhaltig.

Mit Nachhaltigkeit haben Sie sich auch in der Endlagerkommission für Atommüll eingesetzt.

Diese Arbeit hat mein Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig Technologiefolgeabschätzung ist. Natürlich kann man heute sagen, dass es ein Fehler der Vergangenheit war, auf Atomkraft zu setzen, den wir heute nicht wiederholen würden. In Niedersachsen haben diese Position übrigens Abertausende Menschen schon seit einigen Jahrzehnten gehabt. Doch nehmen wir ein anderes Beispiel: Wie ist das heute mit der Digitalisierung? Anfangs erschien es allen als große Freiheitsidee, dass jeder jederzeit mit jedem kommunizieren kann. Inzwischen sehen wir, dass die digitale Welt auch Gefahren birgt, etwa die Überwachung und Fremdsteuerung durch andere, und dass der Freiheitscharakter zu einer neuen Gefangenschaft wird. Jede Zeit hat ihre eigenen Chancen und Risiken. Und was dabei als nachhaltig gelten darf, muss immer wieder neu definiert werden.

Interview: Simon Benne

Zur Person

Ralf Meister ist seit 2011 als Nachfolger von Margot Käßmann Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, die weite Teile Niedersachsens umfasst und der rund 2,7 Millionen Mitglieder angehören. Der 55-jährige Theologe war unter anderem als Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ bereits vorher bundesweit bekannt geworden. Der besonnene Intellektuelle setzt sich seit Jahren für Nachhaltigkeit ein und fordert ethische Regulative im Wirtschaftsleben.

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