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„Wer Dritter wird, ist mir egal“
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Fan-Interview zum Derby „Wer Dritter wird, ist mir egal“

Der Schriftsteller Frank Schäfer aus Braunschweig spricht im Fan-Interview über das Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig, Fußballpoesie und einen Traum.

Schriftsteller Frank Schäfer aus Braunschweig 

Quelle: Moritz Thau

Herr Schäfer, Sie sind als Braunschweiger Autor regelmäßig in Hannover zu Gast. Ist es am Ende doch gar nicht so schlimm hier?
Es ist das alte Dilemma mit dem Schreiber, der zu Hause nichts zählt. Da freue ich mich, wenn mir die befreundete Nachbarstadt in Gestalt der Hannoverschen Literaturverweserinnen Frau Dittmer und Frau Hagemann das Überleben sichert. Ich mag übrigens Hannover-Bashing, Braunschweig-Bashing auch. Das macht Spaß, man hat was zu erzählen, man lernt den anderen vielleicht sogar ein bisschen besser kennen, wenn man sieht, was ihm richtig auf die Eieruhr geht. Aber man darf bloß nicht den Fehler begehen, das irgendwie ernst zu nehmen. Als Spiel ist es hübsch, wer sich die gute Laune davon verhageln lässt, sollte überlegen, ob er sich nicht besser mal ein Hobby zulegt.

Jeder Fan beider Teams hat zum Derby ein persönliches Erlebnis parat. Was ist Ihres?
Der NDR hat ja - vermutlich gestützt auf amerikanische Wissenschaftler - jüngst bewiesen, dass im direkten Spielervergleich Braunschweig 6,5:5,5 vorn liegt. Das macht umgerechnet aufs Ergebnis ein Sieg mit einem Tor Unterschied. Da wir jetzt ja immer zu null spielen, tippe ich also auf 0:1. Vermutlich von Ken Reichel in der 94. Minute geschossen.

Wenn es ums Niedersachsen-Derby geht, hört für viele die Freundschaft auf. Ist zwischen Fankrawallen und Polizeiaufmarsch die ganze Poesie verflogen, die den Fußball ja auch ausmacht? Oder gehört das zum Heldenepos?
Ja, schade, dass dieser ganze Zinnober nötig ist. Meiner Meinung nach brauchen wir ein Gegenepos, eins, das den Heroismus des Siegs genauso würdigt wie den der Niederlage. Ich habe die Häme gegenüber dem Unterlegenen nie verstanden. Wir waren im letzten Jahr in Hamburg beim Spiel gegen St. Pauli, Eintracht hat unglücklich verloren. Danach in der Kneipe kamen die Fans auf uns zu und haben uns aufrichtig bemitleidet. Das ist die richtige Einstellung. So würde ich mir das auch wünschen zwischen Hannover und Braunschweig.

Die Faszination des Fußballs bei Schriftstellern, Dichtern und anderen Feingeistern ist ungebrochen. Warum wird es nicht langweilig?
Ich glaube wegen seiner ästhetischen Qualitäten. Auch in der zweite Liga, die ja oft ziemlich trockene Kost ist, gibt es dann eben doch in jedem Spiel diese gelungene Aktion, in der alles einer höheren Macht zu gehorchen scheint, die es offenbar ausschließlich auf Schönheit abgesehen hat. Die Volleyabnahme, die direkt in den Winkel geht. Der Keeper, der den unhaltbaren Ball mit den Fingerspitzen um den Pfosten dreht. Außerdem geht es natürlich immer auch um so eine Art magische Teilhabe, vor allem im Stadion. Man spürt ja mitunter förmlich, wie eine Menschenmasse Energie bündelt und damit die Geschicke des Spiels lenken kann. Ich glaube das wirklich.

Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht sieht seine Mannschaft gegen Hannover in der Außenseiterrolle. Ist das die Rolle, in der sich Braunschweiger gegenüber der Landeshauptstadt eingerichtet haben?
Das ist ein alter Trick von ihm. Das macht er bei jedem Gegner. Immer schön starkreden. Und bei Hannover fällt ihm das natürlich sehr leicht, weil hier ja der Aufstieg das Minimalziel ist. Wir in Braunschweig haben ja nur einen Traum. Immerhin haben wir den jetzt - vor ein paar Wochen war das ja noch ein Tabu. Wer Aufstieg sagt, zahlt 50 Euro in die Mannschaftskasse.

Wo gucken Sie das Spiel?
Bei Elvan, das ist eine Fankneipe in der Nähe des Braunschweiger Hauptfriedhofs. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wer steigt auf?
Bei Hannover ist das ja quasi von ganz oben befohlen, also wird es wohl was. Ich gönne es euch aber auch. Wär doch blöd, wenn wir da ohne euch in der ersten Liga herumkickten. Das Herz würde mir arg schwer werden. Wer Dritter wird, ist mir egal. Ganz perfide Eintracht-Fans wünschen sich ja den Relegationsplatz, um dann Wolfsburg abzuschießen. Die Konstellation ist in der Tat nicht ohne Reiz.

Interview: Uwe Janssen

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