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"Was macht ein Kind in unserem Koffer?"
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Prozessauftakt gegen Laura S. "Was macht ein Kind in unserem Koffer?"

Der Fall ist unbegreiflich: Eine 22-Jährige aus Hannover steckt ihr Neugeborenes in einen Koffer. Dort liegen bereits die sterblichen Überreste ihres ersten Kindes. Der Vater findet das Baby durch Zufall. Vor Gericht zeigte die Mutter Reue: „Dieses schlechte Gewissen werde ich den Rest meines Lebens behalten.“

Angeklagte Laura S. mit Verteidiger 

Quelle: Wallmüller

Hannover. Man versteht es nicht. Wie kann eine junge Frau ihre neugeborene Tochter vier Tage lang in einem Koffer ablegen? Der gefüllt ist mit Handtüchern, Badematten, Schuhen und Schallplatten. Und warum befindet sich zuunterst, eingewickelt in einem von Körperflüssigkeiten durchnässten Handtuch, das Skelett eines anderen Kindes, das knapp zwei Jahre zuvor gestorben ist? Seit Freitag muss sich Laura S. vor dem Schwurgericht wegen versuchten Totschlags, Aussetzung eines Kindes und Verletzung der Fürsorgepflicht verantworten.

Laura S. steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht, weil sie laut Staatsanwaltschaft den Tod des Babys billigend in Kauf nahm. Ihr Freund hatte Ende September in der Abstellkammer der gemeinsamen Wohnung den Koffer entdeckt. Darin befanden sich ein wenige Tage altes lebendes Mädchen und eine skelettierte Babyleiche. 

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In diesem Prozess geht es nur um das Mädchen, das am 29. September 2016 im Alter von vier Tagen gefunden wurde, dem Tode nahe, im vierten Stock einer Mietwohnung in Vahrenwald. Um das Kind, das jetzt in einer Pflegefamilie lebt. Um den ersten Säugling, dessen sterbliche Überreste seit Januar 2015 lange Zeit in einem abgestellten Auto in einer Tasche deponiert waren, geht es nicht in diesem Prozess. Den Vorwurf des vollendeten Totschlags ließ die Anklagebehörde fallen, weil man S. nicht nachweisen kann, dass sie dieses Kind möglicherweise jämmerlich hat sterben lassen. Die Angeklagte beharrt darauf, es sei eine Totgeburt gewesen. So hätte der Staatsanwalt hier nur eine Störung der Totenruhe anklagen können; doch weil die anderen Vorwürfe rund um das zweite Kind entschieden schwerer wiegen, wurde dieser Vorwurf zu den Akten gelegt.

Es werden viele Tränen vergossen am ersten Verhandlungstag. Da ist Laura S., die ständig weint. Zum Schutz vor den Fotografen hat sie sich anfangs mit Tuch und Sonnenbrille vermummt. Dahinter verbirgt sich eine blonde Frau mit Pferdeschwanz, recht hübsch, vollschlank, aber keineswegs dick. Ihr 19-jähriger Freund, der aussieht wie ein Milchbubi, wird später aussagen, seine Angebetete habe bis zum Zeitpunkt der Geburt etwas zugenommen, wahrscheinlich habe sie zu viel gefuttert. Auch habe er im September 2016 noch mit Laura geschlafen – doch von einer Schwangerschaft im achten oder neunten Monat will er nichts mitbekommen haben.
Man versteht es nicht.
     

In diesem Koffer lagen das Baby und die Überreste eines weiteren Neugeborenen.

Quelle: Wallmüller

Auch der 19-Jährige weint viel im Zeugenstand. Er war es, der die Polizei rief, an jenem Donnerstag, vier Tage nach der Geburt des Mädchens. Er habe das Schreien eines Babys gehört, im Nachbarzimmer, und dann stand dort dieser Koffer. Schwarz, pinkfarbenes Blumenmuster, mit geschlossenem Deckel. Er öffnet den Reißverschluss, hebt den Deckel mit einem Besenstiel an. Um ihn herum tobt ein junger Hund, eine einjährige französische Bulldogge will ihre Nase in den Koffer stecken. Nachdem der 19-Jährige die Polizei verständigt hat, schreibt er Laura S. auf dem Handy ein paar Sprachnachrichten: „Schatz, das kann doch nicht sein!“ Und, voller Panik: "Was macht ein Kind in unserem Koffer?" Später wird man feststellen, dass der 19-Jährige der Vater ist.

Strafe könnte hart sein

Was wäre für Laura S. gewonnen, wenn es ihren Verteidigern gelingt, den Anklagevorwurf des versuchten Totschlags zu widerlegen? Keinesfalls, darauf zielt die Strategie der Anwälte Matthias Waldraff und Pascal Ackermann ab, habe die Mutter den Tod ihrer Tochter durch ein Ersticken im Koffer billigend in Kauf genommen. Doch selbst wenn ihnen das Schwurgericht hier folgen sollte, was durchaus zweifelhaft erscheint: Allein eine Verurteilung wegen des Delikts „Aussetzung“ könnte für S. bereits eine erhebliche Haftstrafe nach sich ziehen. „Auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren ist zu erkennen“, heißt es im Strafgesetzbuch, „wenn der Täter die Tat gegen sein Kind begeht (......) oder durch die Tat eine schwere Gesundheitsschädigung des Opfers verursacht“.  miz

Und noch jemand weint an diesem Tag im Gerichtssaal. Ein 59-jähriger Polizist, immer noch zutiefst erschüttert, der den Säugling an jenem Tag als erster Außenstehender gesehen hat. Ein Notfallsanitäter der Feuerwehr, der wenig später als Zeuge aussagt, schildert das ganze Elend eher nüchtern und präzise. Das Baby ist in Handtücher und Badematten eingewickelt, bis zum Nacken mit Fäkalien beschmiert. Die Plazenta liegt zu seinen Füßen, die Fontanelle ist eingedrückt, „normalerweise ein Zeichen für schlechte Ernährung“. Das Mädchen wimmert leise, der aus dem Koffer strömende Geruch ist unerträglich, die Körperkerntemperatur des Säuglings liegt bei 35,5 Grad. Hinzu kommen Hautverletzungen und eine Neugeboreneninfektion, summa summarum ist sein Zustand "desolat".

Laura S. beteuert, sie habe ihr Kind geliebt. Zur Welt gekommen sei es in der Duschwanne im Bad, später habe sie es gelegentlich aus dem Koffer genommen und sogar gestillt. Auch mit ausreichend Luft und Wärme sei das Mädchen versorgt gewesen. In den vier Tagen zwischen dem 26. und dem 29., als sie sich von morgens bis nachmittags in der Berufsschule oder an ihrem Arbeitsplatz aufhielt?
Man versteht es nicht.

In diesem Haus lebte Laura S. mit ihrem Freund. In einer Abstellkammer der gemeinsamen Wohnung wurde der Koffer gefunden. 

Quelle: HAZ-Archiv

Auch das Gericht ist merkbar skeptisch. „Sie haben ein kleines, völlig ungeschütztes Kind mit verwesendem Körpermaterial in einen vollgepackten Koffer gesteckt“, so der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch, „es musste Ihnen doch klar sein, dass das eine hochgradig gefährliche Situation war.“ Die Angeklagte entgegnet unter Tränen, sie könne sich ihr Vorgehen heute auch nicht mehr erklären. Entschuldigt sich mehrfach, wortreich: „Dieses schlechte Gewissen, auch gegenüber meiner Tochter, werde ich den Rest meines Lebens behalten.“

Die Verteidiger Matthias Waldraff und Pascal Ackermann verlesen einen längeren Text zum Lebenslauf von S. Zu Realschulabschluss, Drogenkonsum, ihrem unsteten Lebenswandel in einer WG in Steinhude. Auch der frühere Freund und Vater ihres ersten – skelettierten – Kindes wird erwähnt, dann die neue, große Liebe zu dem 19-Jährigen. Im Juli 2016 zieht Laura S. mit dem Jüngeren nach Vahrenwald. Sie habe ihm die Existenz des Kindes verschwiegen, sagt sie, weil sie um den Fortbestand der Beziehung fürchtete. Ihr Freund habe keinen Nachwuchs haben wollen – jedenfalls nicht in einer Situation, in der er ebenso wie sie just eine Ausbildung in einem Hotel begonnen hatte.

Die Verteidiger haben ein vordringliches Ziel: Sie wollen den Vorwurf des versuchten Totschlags widerlegen. Staatsanwältin Bianca Vieregge hatte vorgetragen, dass der Koffer aufrecht gestanden habe, das Neugeborene möglicherweise kopfüber darin steckte. Damit habe die Mutter den Tod des Kindes durch Ersticken „billigend in Kauf genommen“. Die Verteidiger verweisen darauf, der Reißverschluss sei nicht vollständig zugezogen gewesen und der Koffer habe gelegen, nicht gestanden. Doch die Angaben des 19-Jährigen dazu sind widersprüchlich.

Am nächsten Donnerstag wird das Schwurgericht etliche medizinische Sachverständige hören. Darunter ist auch ein Psychiater.  

Von Michael Zgoll

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